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Ego-documents électroniques

Nr. 3 / 2003  

Resümee:  Eine Arbeitsgruppe an der Universität von Montpellier präsentiert intensiv erschlossene Ego-Dokumente des 18. und 19. Jahrhunderts.
URL:  http://www.egodoc.revues.org
Kategorie:  Digitale Editionen

Im Zusammenhang mit neuen mikrohistorischen und kulturgeschichtlichen Fragestellungen zog im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine Gattung von Quellen vermehrte Aufmerksamkeit auf sich, die als Ego-Dokumente oder Selbstzeugnisse bezeichnet werden können. Wie sich solche Dokumente für eine Online-Präsentation aufbereiten lassen, zeigt beispielhaft ein digitales Editionsprojekt, das am "Centre d’étude du XVIIIe siècle" (CEDIM) der Universität von Montpellier bearbeitet wird. Als weiterer Partner ist "revues.org" zu erwähnen, ein Gemeinschaftsunternehmen geistes- und sozialwissenschaftlicher Zeitschriften, auf dessen Webserver die Ego-Dokumente publiziert werden. Das CEDIM will mit seinem Projekt die Möglichkeiten von Hypertexten nutzen, um die Geschichte von Netzwerken und sozialen Strategien neuzeitlicher Individuen nachzeichnen zu können. Als weiteres Ziel wird in der Zukunft die Einbeziehung der (Online-)Leser in die Editionsarbeit angestrebt.

Zu Beginn des Jahres 2003 sind zwei Editionen verfügbar, von denen die "Souvenirs d'un maçon de la Creuse" dem 19. Jahrhundert entstammen, während das "Journal du chevalier de Corberon" in den Jahren 1775 bis 1781 angelegt wurde. Folgt man von der Startseite aus dem Link zum "Journal", wird das Browserfenster in fünf Frames aufgeteilt, um die Navigation durch die Quelle zu erleichtern. Diese wird im Hauptframe zunächst kurz vorgestellt: Marie Daniel Bourrée de Corberon verfasste sein Journal als Dokumentation seiner diplomatischen Aktivitäten in St. Petersburg und anschließend in Paris. Seine Aufzeichnungen erhellen die kulturellen und diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Russland am Ende des 18. Jahrhunderts, aber auch die zeittypischen Ausprägungen des gesellschaftlichen Lebens und die Reichweite freimaurerischer Netzwerke.

Der Gewinnung eines Überblicks über das komplexe und anspruchsvoll konzipierte Editionsvorhaben der Herausgeber Pierre-Yves Beaurepaire und Dominique Taurisson dienen die Introductions, die über die beiden am linken Bildschirmrand untergebrachten Navigationsframes erreicht werden können. Hier werden zum Beispiel die Editionsprinzipien und die allgemeinen Zielsetzungen des Projekts erläutert. Die Edition wird als allmählich fortschreitende, auf die Interaktion von Lesern reagierende Unternehmung charakterisiert. Im programmatisch betitelten Abschnitt Monde de Corberon wird als Idealvorstellung die Einbeziehung möglichst aller verfügbaren Quellen, die Rekonstruktion des Personennetzwerkes sowie die Zusammenstellung von Informationen über die für Corberon relevanten Orte, Institutionen und Ereignisse proklamiert. Der Link zu Annexes eröffnet neben einer Kurzbiographie Corberons auch einen Überblick der auswertbaren Quellen.

Zu den Quellen gelangt man über den Link Documents. Die bislang auf das Jahr 1775 beschränkte Edition sammelt das Material monatsweise, die einzelnen Seiten des Manuskripts lassen sich im GIF-Format abrufen. In die Grafikdateien eingefügte Symbole können angeklickt werden, um Transkriptionen der entsprechenden Seiten zu erreichen. Diese Transkriptionen sind deutlich intensiver bearbeitet, als das bei klassischen Editionen der Fall sein könnte. So werden Notizen zu Begegnungen oder Unterhaltungen eigens ausgezeichnet, und die beteiligten Personen, die Orte und Zeiträume sowie ggf. die näheren Umstände werden in einer Datenbank festgehalten. Im Abschnitt Sujets wird deutlich, wie diese Datenbank ausgewertet ewrden kann. Wer etwa den Link Achat/Vente anklickt, bekommt eine Liste aller An- und Verkäufe Corberons angezeigt, einschließlich der genauen Daten und der einschlägigen Textpassagen des Journals. Auch delikate Themenfelder wie Amour: pratiques et description oder Mesure de la santé werden nicht vergessen. Die Unterabteilung Glossaire schließlich hilft weiter, wenn man auf unbekannte Begriffe stößt. Die komplexe Präsentationsform und die intensive Erschließung des Materials verlangen dem Nutzer eine längere Einarbeitungszeit ab, doch auch wenn noch nicht alle Blütenträume gereift sind, so handelt es sich nichtsdestoweniger um ein beeindruckendes Projekt, das diesen Aufwand lohnt und dem ein gutes Gedeihen sehr zu wünschen ist.

[Gregor Horstkemper, 20. Januar 2003]

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