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Forschungsstelle für Personalschriften

Nr. 26 / 2003 Aktualisiert am 16. Juni 2004

Resümee:  Die auf die Standorte Marburg und Dresden verteilte Forschungsstelle widmet sich vor allem der Aufarbeitung des Bestandes an deutschsprachigen Leichenpredigten der Frühen Neuzeit und macht zwei Online-Kataloge zugänglich.
URL:  http://www.uni-marburg.de/fpmr/
Kategorie:  Forschungseinrichtungen

Unter dem Begriff der Personalschriften werden Texte zusammen gefasst, die anlässlich von Taufen, Geburtstagen, Hochzeiten oder anderen wichtigen Anlässen im Leben eines Menschen entstanden sind. Aus welchem ganz besonderen Anlass diejenigen Materialien veröffentlicht wurden, die im Mittelpunkt der Aktivitäten der "Forschungsstelle für Personalschriften" stehen, wird gleich auf der Homepage unmissverständlich symbolisiert: Mittenmang prangt ein Totenschädel, überschrieben mit einem mahnenden "Memento mori". "Gedruckte Leichenpredigten der beiden Jahrhunderte zwischen 1550 und 1750", so wird präzisiert, stellen den Forschungsgegenstand der an der Marburger Universität angesiedelten Forschungsstelle dar. Für den deutschen Sprachraum sind nicht weniger als 250.000 Exemplare dieser Quellengattung überliefert, die unter einer großen Bandbreite an Fragestellungen ausgewertet werden kann. Angefangen bei der historischen Demographie, der Medizin- und Sozialgeschichte über die Bildungs- und Universitätsgeschichte bis hin zur Kirchen-, Musik- und Kunstgeschichte greifen viele Spezialdisziplinen mit Gewinn auf diese Materialien zu. Angesichts der Bedeutung der Leichenpredigt-Bestände wurde der seit 1976 existierenden Marburger Institution 1991 eine zweite Forschungsstelle an der TU Dresden an die Seite gestellt. Als Trägerin der beiden von Rudolf Lenz geleiteten Forschungseinrichtungen mit ihrem langfristig angelegten Arbeitsprogramm fungiert die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

Wem zunächst daran liegt, mehr über das hier zur Debatte stehende Quellenmaterial zu erfahren, sollte zunächst dem Link zu den Leichenpredigten folgen. In zwei übersichtlich gehaltenen und instruktiven Abschnitten werden die Geschichte und der Quellenwert der frühneuzeitlichen Leichenpredigten erhellt. Wichtig ist beispielsweise, dass es sich bei den Leichenpredigten im Wesentlichen um ein Phänomen der protestantischen Konfessionen handelte. Nicht von ungefähr liegt der geographische Schwerpunkt der Aktivitäten der beiden Forschungsstellen auf Hessen, Schlesien und Sachsen. Das Kapitel zum Quellenwert stellt einige ausgewählte Materialien vor und verdeutlicht an ihnen den Informationsreichtum der Predigten. Einführende Materialien lassen sich aber von der Homepage aus auch über den Link Multimedia abrufen. Das ebenfalls mit Leichenpredigten überschriebene Unterkapitel bietet einen guten Überblick zu den Bestandteilen dieser Gattung. Es zeigt sich, dass der Predigttext durch verschiedene bildliche Darstellungen, durch eine Schilderung des Lebenslaufs, durch Gedichte oder gar durch Musikbeigaben angereichert sein konnte. Ergänzend zu den in Text- und Grafikform vermittelten Informationen über das Tätigkeitsfeld der Forschungsstellen können im Multimedia-Bereich auch zwei RealVideo-Filmchen angeschaut werden, die in jeweils rund vier Minuten eine an ein breiteres Publikum gerichtete Einführung in die Leichenpredigt-Thematik bieten. Wer nähere Informationen über die Mitarbeiter oder die Projekte der beiden Forschungsstellen sucht, wird über entsprechende Links fündig. Nützlich ist auch die Liste der Publikationen, unter denen vor allem die zahlreichen Leichenpredigten-Kataloge einzelner Bibliotheken und Archive hervorzuheben sind. Stets werden Inhaltsverzeichnisse der Bände geboten, in manchen Fällen sind auch Auszüge aus Rezensionen abrufbar.

Der wichtigste Bereich dieses Webangebots findet sich hinter dem Link Datenbanken. Zunächst einmal wird hier der "Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA)" verfügbar gemacht, der bislang gut 120.000 Datensätze enthält. Die Abschnitte Erfaßte Daten und Erfaßte Kataloge bieten einen Überblick zur empirischen Grundlage der Datenbank, die Kapitel Entstehungsgeschichte und Umfang und Inhalt machen deutlich, dass es sich um ein pragmatisch angelegtes Arbeitsinstrument handelt, das nicht den Anspruch einer vertieften Erschließung der Materialien erhebt. Die Suchoptionen machen GESA auf jeden Fall zu einem sehr nützlichen Werkzeug. In vielen Fällen wird die Registersuche die erste Wahl darstellen. Hier lässt sich nach Namen von Verfassern, von Verstorbenen oder von Orten recherchieren. Sucht man etwa nach Leichenpredigten zu Martin Luther, so finden sich u. a. Texte von Philipp Melanchthon, Johann Bugenhagen und Justus Jonas. Zu den einzelnen Treffern werden jeweils Sterbejahr und Sterbeort, Erscheinungsjahr der Leichenpredigt, heutiger Standort, Signatur und der Nachweis in gedruckten Katalogen aufgeführt. Die Recherche nach Orten ergibt, dass in mehr als 10.000 Fällen Leipzig als Druckort genannt wird. Dahinter rangieren Universitätsstädte wie Jena oder Marburg und Residenzstädte wie Dresden oder Braunschweig. Komplexere Recherchewünsche erfüllt die Erweiterte Suche. Hier kann z. B. gezielt nach Geburts-, Zweit- oder Witwennamen gesucht werden. Mittels eines Zeitfilters lässt sich die Recherche auf bestimmte Sterbe- oder Erscheinungsjahre eingrenzen. Auch Suchkombinationen sind hier möglich.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieses Webangebots ist der "Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Wroclaw/Breslau". Der Ursprung dieses Katalogs liegt in der in den 1980er Jahren begonnenen Verfilmung der Breslauer Sammlung, die rund 30.000 Leichenpredigten und Trauerschriften umfasst. Bislang sind in der Datenbank über 13.000 Drucke, vor allem zu Verstorbenen aus dem Namensbereich A-K, recherchierbar. Die Suchmöglichkeiten entsprechen weitgehend den GESA-Optionen, doch kann man zusätzlich nach Verlegern und Druckern fahnden. Alle Titelblätter werden als Thumbnail angezeigt und können im JPG-Format in brauchbarer Qualität betrachtet werden. Interessant ist schließlich auch das online dokumentierte Ergebnis einer Umfrage in den neuen Bundesländern, die der Erfassung von Leichenpredigt-Beständen diente. Die mehr als 100.000 Drucke warten in vielen Fällen noch auf eine detaillierte Verzeichnung.

Nicht nur die gut präsentierten und komfortabel abfragbaren Datenbanken machen dieses Online-Angebot sehr besuchenswert. Auch die weiteren um diesen Kern herumgelegten Bestandteile der Webseiten der "Forschungsstelle für Personalschriften" sind dazu geeignet, für die zunächst vielleicht spröde scheinende Materie zu interessieren. Zumindest sollte jedem Besucher dieser Seiten deutlich werden, dass ein als Trauerschrift publizierter "Letzter Seelen-Seuffzer" in verschiedener Hinsicht für heutige Fragestellungen interessantes Quellenmaterial darstellt.

[Gregor Horstkemper, 30. Juni 2003, zuletzt aktualisiert am 16. Juni 2004]

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