/ historicum.net / Lehren & Lernen / Link-Winks
  Logo

VD 17: Das Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts

Nr. 20 / 2005  

Resümee:  Im Rahmen eines Kooperationsprojekts deutscher Bibliotheken wird eine retrospektive Nationalbibliographie für die zwischen 1601 und 1700 im deutschen Sprachraum publizierten Drucke erarbeitet und als Online-Datenbank bereitgestellt.
URL:  http://www.vd17.de/
Kategorie:  Fachinformationen

Wer sich mit der Buch-, Literatur- und Wissenschaftsgeschichte des frühneuzeitlichen Reiches beschäftigt, weiß angesichts des föderal geprägten deutschen Bibliothekswesens und der heterogenen Überlieferungssituation frühneuzeitlicher Drucke um die Mühen, die das Identifizieren und Auffinden einschlägiger Quellen mit sich bringt. Für die Buchproduktion im deutschsprachigen Raum des 16. Jahrhunderts wurde Ende der 1960er Jahre mit dem VD 16 ein erster Schritt zur Erarbeitung einer retrospektiven Nationalbibliographie unternommen, die als überregionales, nach einheitlichen Kriterien erstelltes Nachweisinstrument auch über die Grenzen der oben angeführten historischen Teildisziplinen hinaus wertvolle Dienste leistet. Nach dem Abschluss der Hauptarbeiten am VD 16 wurde Mitte der 1990er Jahre die Arbeit an der Fortsetzung des Vorhabens für die Bestände des 17. Jahrhunderts in Angriff genommen. Angesichts der Fortschritte der Datenbank-Technologie wurde das VD 17 von Anfang an als Multimedia-Datenbank konzipiert, in der bibliographische Beschreibungen mit Abbildungen von Seiten der erfassten Druckwerke zusammengeführt wurden. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Vorhabens werden alle deutschsprachigen Titel, aber auch alle in anderen Sprachen verfassten Druckwerke, die im historischen deutschen Sprachgebiet veröffentlicht wurden, berücksichtigt. Das unter Federführung der Bayerischen Staatsbibliothek von insgesamt neun kooperierenden Bibliotheken betriebene Projekt hat bis zum Frühjahr 2005 fast 220.000 Titel mit annähernd 460.000 Besitznachweisen erfasst und in einer Online-Datenbank recherchierbar gemacht.

Die Homepage vermittelt über die Links Partner und Kontakte zunächst einige Informationen zu den beteiligten Bibliotheken. Unter der Überschrift Inhalte führen die Partner auf, welche Bestandsgruppen sie bislang in die Datenbank eingebracht haben. Wichtig für die Benutzung der Datenbank ist die Kenntnisnahme des Abschnitts Bibliographische Beschreibung, in der die bei der Erfassung der Titel befolgten Regeln dokumentiert werden. Hier finden sich auch Querverweise zu zwei von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel bereitgestellten Arbeitsinstrumenten. Dabei handelt es sich zum einen um eine Drucker- und Verleger-Datenbank (die allerdings auch in die Hauptdatenbank integriert ist) sowie zum anderen um eine Zusammenstellung bibliographischer Nachweise zu deutschen Drucken des 17. Jahrhunderts. Außerdem findet sich in diesem Abschnitt eine Zusammenstellung von etwa 140 Gattungsbegriffen, denen die einzelnen Titel zugeordnet wurden. Da eine intensive Sacherschließung der einzelnen Drucke zu aufwändig gewesen wäre, soll dieses Hilfsmittel zumindest eine grobe Strukturierung des gesamten Datenbestandes nach bestimmten Sachbereichen ermöglichen. Wer an der Identifizierung unterschiedlicher Ausgaben eines Druckwerks interessiert ist, wird auch die Erläuterungen zur Festlegung eines sogenannten Fingerprints zur Kenntnis nehmen. Schließlich wird erläutert, was unter Schlüsselseiten verstanden wird (Titelblätter, Kolophon etc.), und dass grafische Reproduktionen dieser Seiten als GIF-Dateien in relativ niedriger Auflösungsstufe verfügbar gemacht werden, um die Ausgabenidentifizierung zu vereinfachen.

Der am oberen Bildschirmrand untergebrachte Button Zur Recherche führt zur Suchmaske, die allen regelmäßigen Benutzern eines PICA-Katalogs vertraut vorkommen wird. Interessiert man sich z. B. für den Feldherrn Tilly und gibt einfach "Tilly" als Suchstring über "Alle Wörter" ein, werden zu Beginn der Trefferliste mehrere in Frage kommende Personen aufgeführt. Klickt man den hier interessierenden Eintrag "Tilly, Jean T'Serclaes de" an, wird eine Liste mit weiteren Namensvarianten angezeigt. Ein nochmaliger Klick auf die Hauptnamensform führt zu etwa 150 Publikationen, die entweder den Namen Tilly im Titel führen, oder denen bei der Erfassung ein Verweis auf Tilly als "beteiligte" oder "sonstige Person" hinzugefügt wurde. In dieser Gesamtliste finden sich nicht weniger als zehn Exemplare der Flugschrift "Der Päbstischen Armee unter des alten Corporals General-Graffn von Tylli Commando Zugk und Flugk" aus dem Jahr 1631, anhand derer man die Problematik der Identifizierung unterschiedlicher Ausgaben eines Drucks gut nachvollziehen kann. Zunächst einmal fällt auf, dass dem Titelfeld eine VD 17-Identifikationsnummer vorangestellt ist, an deren Spitze wiederum ein Bibliotheks-Sigel steht. Wählt man etwa das Exemplar mit der VD 17-Nummer "3:021255Z", gelangt man zu einem Druck aus dem Besitz der Universitäts- und Landesbibliothek Halle. In den "Anmerkungen" zur bibliographischen Beschreibung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Exemplar Unterschiede zu mehreren anderen Ausgaben aufweist. Das Nachvollziehen der Unterschiede fällt in diesem Falle leicht, weil alle acht Seiten der aus vier Blättern bestehenden Flugschrift als digitale Reproduktionen abgerufen werden können. Außer den bitonalen GIF-Grafikdateien macht die ULB Halle auch JPG-Versionen mit ca. 150 KByte Umfang verfügbar. Dabei wird zwar keine Blätterlösung angeboten, doch angesichts des überschaubaren Umfangs des Drucks dürften die wenigsten Nutzer damit ein Problem haben. Vor allem bei Flugschriften und Verordnungen kann also über die VD 17-Datenbank in einer zunehmenden Zahl von Fällen eine Reproduktion der gesamten Quelle benutzt werden.

Neben der einfachen Suchvariante über "Alle Wörter" bestehen zahlreiche weitere Rechercheoptionen. So lässt sich gezielt nach Widmungsempfängern, Zensoren, Verleger und Druckern oder auch nach Veröffentlichungen in bestimmten Sprachen suchen. Wird zu einem bestimmten Suchstring zunächst nichts gefunden, hilft eine Indexfunktion beim Blättern in der Liste der für die betreffende Kategorie verfügbaren Suchbegriffe. Beim Browsen durch die Gattungsbegriffe fällt ins Auge, dass vor den jeweils über 10.000 juristischen, philosophischen und theologischen Dissertationen sowie den in ähnlicher Größenordnung vorhandenen Einblattdrucken und Flugschriften die beiden Gattungen "Gelegenheitsschrift: Tod" und "Leichenpredigt" zahlenmäßig mit jeweils rund 17.000 Einträgen an der Spitze rangieren. Doch auch theologische und politische Streitschriften, Gedichtsammlungen, Amtsdruckschriften, Predigten, Reden und Chroniken sind jeweils mit mehreren tausend Treffern vertreten. Bereits auf der Startseite wird unter der Überschrift "Korrekturen" darauf hingewiesen, dass angesichts des engen Zeitkorsetts mit gelegentlichen Fehlern bei der bibliographischen Erfassung zu rechnen ist, und dass Fehlermeldungen an die VD 17-Redaktionen erwünscht sind. Hilfreich sind dabei die digitalisierten Schlüsselseiten, mit deren Hilfe sich z. B. feststellen lässt, ob in der Titelaufnahme "Verpflegungs Ordinatz" tatsächlich ein "n" fehlt. Wenn bereits im Originaltitel ein Druckfehler enthalten ist und z. B. von einer "Copia [...] An Die Erb. Mechlenbnrgische Ritterschafft [...]" die Rede ist, so wird ein solcher Fehler bei der Titelaufnahme nicht verbessert. Auch wenn das Projekt VD 17 noch einige Jahre bis zu seinem Abschluss benötigen wird, machen die sorgfältige Erfassung der Druckwerke und die leistungsfähigen Suchfunktionen die Online-Datenbank bereits jetzt zu einem erstklassigen Arbeitsinstrument.

[Gregor Horstkemper, 16. Mai 2005]

Logo