/ historicum.net / Lehren & Lernen / Link-Winks
  Logo

Persée: Portail de revues scientifiques en sciences humaines et sociales

Nr. 23 / 2006  

Resümee:  Das klar strukturierte französische Zeitschriften-Portal umfasst u. a. zahlreiche Jahrgänge der "Annales" und der "Bibliothèque de l’École des chartes".
URL:  http://www.persee.fr
Kategorie:  Zeitschriften

"Libre accès à l'information scientifique" - offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen - fördert das französische Forschungsministerium mit Hilfe des seit 2003 im Aufbau befindlichen Zeitschriften-Portals "Persée". Die Betonung des "Open Access"-Gedankens unterscheidet das "Persée"-Projekt von Zeitschriftenarchiven wie dem US-amerikanischen JSTOR und dessen deutschen Pendant DigiZeitschriften. Durch den Verzicht auf ein kostenpflichtiges Lizenzmodell versprechen sich die Betreiber des französischen Webangebots eine bessere Sichtbarkeit französischsprachiger Forschungsliteratur im World Wide Web und eine Aufwertung französischer Forschungsaktivitäten. Zugleich wird in der Retrodigitalisierung ausgewählter wissenschaftlicher Fachzeitschriften ein Beitrag zur Erhaltung des französischen Kulturerbes gesehen. Als die erste Version der "Persée"-Webseiten im Januar 2005 freigeschaltet wurde, fanden sich dort zunächst Aufsätze aus sieben ausgewählten Fachzeitschriften. Bis zum Juni 2006 ist die Zahl der präsentierten Zeitschriften auf ein Dutzend angewachsen, und weitere Ausbauschritte sind in Arbeit.

Beim Erstbesuch empfiehlt es sich, zunächst einige Informationen zum Projekt und zur Benutzung des Webangebots abzurufen. Im rechten unteren Bereich der Startseite finden sich mehrere hilfreiche Links: Zunächst sollte man die Conditions d'utilisation du site zur Kenntnis nehmen, sowie die Navigationshinweise im Abschnitt Démarrer rapidement. Daneben ist das Kapitel Présentation du portail zu empfehlen. Es umfasst eine Zusammenfassung der Projektziele, informiert über die Projektpartner, und erläutert die Prinzipien, die der Umsetzung des Zeitschriften-Portals zugrunde liegen ("Principes généraux"): Die Zeitschrifteninhalte werden detailliert erfasst, so dass z. B. auch gezielt nach Rezensionen gesucht werden kann; neben einer grafischen Reproduktion der Zeitschriftenseiten wird auch eine durchsuchbare Volltextfassung angeboten; bei Digitalisierung, Bereitstellung und Erschließung kommen Standards wie XML oder OAI-PMH zum Einsatz; die Inhalte sind frei verfügbar, wobei jedoch die Rechte der Autoren und der Verlage bestimmte Grenzen setzen.

Die letztgenannte Einschränkung macht sich auf doppelte Weise bemerkbar: Um die Interessen der Verlage zu schützen, werden die jeweils drei bis fünf letzten Jahrgänge noch nicht in digitaler Form zugänglich gemacht. Dieses Prinzip der "barrière mobile", auch "gleitenden Grenze" oder "moving wall" genannt, hat "Persée" mit den bereits erwähnten Angeboten von JSTOR und DigiZeitschriften gemein. Die Betonung der Autorenrechte hat im Fall des französischen Zeitschriftenarchivs eine weitere Einschränkung zur Folge, die es von den beiden genannten Pendants unterscheidet: Vor der Freischaltung der einzelnen Aufsätze wird zunächst bei den Autoren um Zustimmung zur Online-Publikation nachgesucht. Da dieser Klärungsprozess Zeit kostet, kann bislang nur ein Teil der Aufsätze und Rezensionen über das World Wide Web genutzt werden. Immerhin finden sich unter den bislang verfügbaren Zeitschriften mehrere einschlägige geschichtswissenschaftliche Publikationen: Für die Zeitgeschichte können die Titel "Matériaux pour l’histoire de notre temps" und "Vingtième Siècle. Revue d'histoire" genannt werden, während die "Bibliothèque de l’École des chartes" vor allem Beiträge zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit umfasst. Das Flaggschiff stellen jedoch die epochenübergreifenden "Annales" dar, von denen bislang 25 Jahrgänge in das Zeitschriftenarchiv einbezogen wurden.

Am Beispiel der "Annales" können exemplarisch die Hauptelemente der "Persée"-Struktur aufgezeigt werden. Ein mitten auf der Startseite platziertes Dropdown-Menü ermöglicht den Zugang zur Überblicksseite der Zeitschrift. Wer die Publikation noch nicht kennt, kann über den Link En savoir plus eine knappe Charakterisierung abrufen. Den Zugriff auf die einzelnen Hefte ermöglicht eine Liste der Jahrgänge von 1975 bis 1999. Steuert man etwa Heft 2 des Jahrgangs 1997 an, stößt man auf mehrere Beiträge zur Staatsbildungsthematik ("La construction de l'état, XIVe-XVIIIe siècle"). Wer den Titel des von Mireille Peytavin verfassten Aufsatzes "Naples, 1610: comment peut-on être officier?" anklickt, gelangt zu einer grafischen Reproduktion der ersten Seite des Beitrags. Mit Hilfe einer Blätterlösung kann man sich nun vor- und zurückbewegen, wobei die Seitenreproduktionen in unterschiedlichen Auflösungsstufen bereitstehen. Bei Wahl der höchsten Auflösung erreichen die als JPG-Dateien angebotenen Seitenreproduktionen einen Umfang von bis zu 1 MByte, was eine ausgezeichnete Lesbarkeit sicherstellt. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, einzelne Seiten oder den gesamten Aufsatz als PDF-Datei herunterzuladen. Wählt man letztere Option, muss allerdings mit Dateigrößen von mehreren Dutzend MByte gerechnet werden.

Heft 2 des Jahrgangs 1997 enthält weitere interessante Beiträge zu frühneuzeitlichen Themen, etwa Christian Windlers Aufsatz über "Clientèles royales et clientèles seigneuriales vers la fin de l'Ancien Régime", der jedoch zu den noch nicht freigegebenen Aufsätzen zählt. Der Rezensionsteil wiederum bietet fast zwei Dutzend Besprechungen von Monographien zum Themenfeld "L'État dans l'Europe moderne", die durchgängig online konsultiert werden können. Sehr hilfreich sind die Suchfunktionen des Webangebots: Am rechten oberen Bildschirmrand findet sich eine einfache Suchzeile, die um eine Recherche avancée ergänzt werden kann. Diese erweiterte Suche ermöglicht die gezielte Suche im Volltext bestimmter Zeitschriften oder Sachgebiete, und erlaubt die Fokussierung der Recherche auf frei zugängliche Artikel. Verzichtet man auf diese Fokussierung, kann auch im Volltext der (noch) nicht online abrufbaren Zeitschriftenbeiträge gesucht werden. Mit "Persée" steht ein interessantes Konkurrenzmodell zu lizenzpflichtigen Angeboten wie JSTOR und DigiZeitschriften bereit, für dessen Tragfähigkeit die kontinuierliche Erweiterung um weitere frei zugängliche Inhalte und die Sicherstellung eines langfristigen Finanzierungskonzeptes ausschlaggebend sein wird.

[Gregor Horstkemper, 5. Juni 2006]

Logo