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Die autobiographischen Aufzeichnungen Hermann Weinsbergs: Digitale Gesamtausgabe |
| Nr. 27 / 2006 |
| Resümee: | Eines der umfangreichsten Selbstzeugnisse der Frühen Neuzeit, die Aufzeichnungen des Kölner Ratsherrn Hermann Weinsberg (1518-1597), wird als Volltext-Edition im Internet bereitgestellt. |
| URL: | http://www.weinsberg.uni-bonn.de/ |
| Kategorie: | Digitale Editionen |
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Dem Kölner Bürger und langjährigen Ratsherrn Hermann Weinsberg (1518-1597) wurde von einem Biographen attestiert, er habe ein Leben "geschäftigen Müßigganges" geführt und sich gegenüber seinen Mitmenschen durch keinerlei besonderen Befähigungen oder Leistungen ausgezeichnet. Dass Weinsberg trotz einer solchen Charakterisierung nicht spurlos im Dunkel der Geschichte verschwunden ist, hängt eng mit der Art und Weise zusammen, wie er seine offensichtlich zahlreichen Mußestunden nutzte. Fast ein halbes Jahrhundert lang zeichnete Weinsberg Ereignisse seines Alltagslebens und zeitgeschichtliche Nachrichten auf. Diese zu vier Quartbänden zusammengebundenen autobiographischen Aufzeichnungen umfassen mehr als 2.500 Blatt und gehören damit zu den umfangreichsten Selbstzeugnissen der Frühen Neuzeit. Der hohe Quellenwert der "Gedenkbücher" für die Erforschung der Geschichte Kölns und des Niederrheins wurde bereits im 19. Jahrhundert erkannt, doch begnügte man sich zunächst mit einer Auswahledition in vier Bänden (1886-1898). Trotz eines 1926 nachgereichten Ergänzungsbandes blieb rund die Hälfte des vorhandenen Materials bis heute unediert. Im Rahmen eines seit 2002 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts hat sich das Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande in Bonn der Hinterlassenschaft Weinsbergs angenommen. Ziel ist die komplette digitale Erfassung der Quelle und die Erarbeitung einer Gesamtausgabe, die für Sprachforscher wie für Historiker Nutzen bringt. Auf der übersichtlich gestalteten Startseite können die Besucher wählen zwischen einem direkten Zugang zur Quelle einerseits und einführenden Kapiteln zu Hermann Weinsberg, zur Forschung und zur Art der Ausgabe andererseits. Für Weinsberg-Novizen empfiehlt sich der Abschnitt mit biographischen Informationen zum Protagonisten. Folgt man dem entsprechenden Link, wird eine sehr lange HTML-Seite angezeigt, deren Unterbereiche über die am linken Bildschirmrand zu findende Navigationsspalte erschlossen sind. Neben drei recht knappen Skizzen zu Leben (Zur Person), Werk (Zum Buch) und sprachgeschichtlicher Einordnung Weinsbergs (Zur Sprache) finden sich hier zwei umfangreichere Texte von Joseph Stein aus dem erwähnten Ergänzungsband des Jahres 1926. Der erste Text (Zur Familie) enthält Informationen zur Verwandtschaft Weinsbergs, während der zweite, über den etwas unglücklich betitelten Link Zur Edition erreichbare Beitrag eine recht eingehende Charakterisierung Weinsbergs und seiner Aufzeichnungen enthält, die der 1926 publizierten Teiledition als Einleitung vorangestellt war. Abgerundet werden die hier verfügbaren Materialien durch eine vom Projektbearbeiter Tobias Wulf verantwortete Bibliographie, in der u. a. zahlreiche neuere Publikationen dokumentiert werden, die Weinsbergs Selbstzeugnis unter unterschiedlichsten Fragestellungen untersucht haben. Das Kapitel zur Forschung enthält Informationen zu der von Prof. Dr. Manfred Groten geleiteten Arbeitsgruppe, zu Transkriptions- und Normalisierungsregeln sowie zur Auszeichnung der Namen aller erwähnten Personen direkt bei der Transkription der Quelle. Neben den in der gegenwärtigen Bearbeitungsphase verfolgten Forschungszielen werden auch weitergehende Perspektiven benannt, die zu einem späteren Zeitpunkt angegangen werden sollen. Ein drittes Kapitel, das auf der Startseite als Art der Ausgabe, in der Navigationsspalte lakonischer als Handschrift betitelt ist, bietet einige wenige grafische Reproduktionen des Manuskripts sowie die dazugehörigen Transkriptionen an. Leider werden die Seitenreproduktionen nur in einer befremdlich niedrigen Auflösungsstufe angeboten, so dass man nicht mehr als die ungefähre Relation zwischen Haupttext und Marginalien auf der Handschriftenseite erahnen kann. Eine sehr nutzerfreundliche Vorgehensweise kommt dagegen in den beiden Abschnitten zum Ausdruck, die auf die parallel durchgeführte Erarbeitung zweier Editionsversionen verweisen: einer diplomatischen, vor allem an sprachgeschichtlich interessierte Leser adressierten Version und einer Lesefassung, bei der Interpunktion und Groß-/Kleinschreibung sowie die Textstruktur an moderne Lesegewohnheiten angepasst wurden. Aus den verschiedenen Abschnitten des Kapitels Handschrift werden mehrfach Links zur Edition selbst angeboten, die auch über die Startseite erreichbar ist. Während der erste Quartband der Quelle, das "Boich Weinsberg", noch nicht im Volltext zur Verfügung steht, können seit dem Frühjahr 2006 die anderen drei Bände - Liber Iuventutis (behandelter Zeitraum: 1518-1577), Liber Senectutis (1578-1587) und Liber Decrepitudinis (1588-1597) im Volltext abgerufen werden. Folgt man etwa dem Link zum Liber Senectutis, bekommt man eine auf mehrere Browser-Frames verteilte Benutzeroberfläche für die Edition angezeigt. Im oberen rechten Frame wird der Volltext der Edition angezeigt, wobei auffällt, dass der Text in zwei unterschiedlichen Schrifttypen dargestellt wird. Eine serifenlose Schrift steht dabei für Textpassagen, die bereits in den älteren Auswahleditionen enthalten sind, während eine Serifenschrift diejenigen Abschnitte erkennbar macht, die erstmals ediert werden. Ein Dropdown-Menü ermöglicht den gezielten Sprung zu allen Kalenderdaten, unter denen Einträge zu finden sind. Außerdem besteht die Möglichkeit, gezielt bestimmte Blätter des Manuskripts anzusteuern - wobei die technische Umsetzung dieser Navigationshilfe nicht zu überzeugen vermag. Wer sich für Personennamen interessiert, bekommt eine differenzierte Suchoption angeboten. Werden bei der Suche nach Namen oder Namensbestandteilen mehrere Treffer angezeigt, kann gezielt zu allen relevanten Passagen der Edition gesprungen werden. Weitere Navigationshilfen ermöglichen es, anhand der von Weinsberg verfassten Marginalien durch die Aufzeichnungen zu navigieren, oder ein Glossar zur Erläuterung unbekannter Begriffe einblenden zu lassen. Hochgestellte Sternchen markieren Anmerkungen, die allerdings nur im Internet Explorer beim Überfahren mit der Maus sichtbar werden. Zwar sind sicherlich noch nicht alle denkbaren Funktionalitäten auf überzeugende Weise realisiert, aber das Bereitstellungssystem wirkt robust und lässt sich spätestens nach Ansteuern des Hilfe-Links ohne größere Probleme benutzen. Daher ist die Verfügbarkeit der drei "Gedenkbücher" als des weitaus größten und für alltags-, mentalitäts-, konfessions- und sozialgeschichtliche Fragestellungen ergiebigsten Teils der Weinsberg'schen Aufzeichnungen auch in der jetzigen Ausbaustufe aufs Höchste zu begrüßen. [Gregor Horstkemper, 3. Juli 2006] |
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