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The Chymystry of Isaac Newton

Nr. 31 / 2006  

Resümee:  Mit Hilfe von aufwändigen typographischen Gestaltungselementen werden die alchemistischen Handschriften Isaac Newtons als Online-Edition aufbereitet.
URL:  http://webapp1.dlib.indiana.edu/newton/
Kategorie:  Digitale Editionen

Der wissenschaftshistorische Rang Isaac Newtons als Physiker und Mathematiker steht außer Zweifel - und doch hat dieser große Forscher nicht nur wichtige Beiträge zur Entwicklung einer streng rationalen, empirisch ausgerichteten Naturwissenschaft geleistet, sondern sich zugleich intensiv mit einem Randbereich der Naturerkenntnis befasst, der aus heutiger Sicht als irrationaler, spekulativer Abweg erscheint: mit der Alchemie. Der diesbezügliche Teil des Newton-Nachlasses wurde noch in den 1930er Jahren achtlos zerstreut, weil die alchemistischen und theologischen Schriften Newtons nicht dem vorherrschenden Idealbild eines rationalen Naturwissenschaftlers entsprachen. In den 1990er Jahren gründete eine in England angesiedelte Forschergruppe das Newton Project, um im Rahmen einer Online-Edition die auseinandergerissenen Quellen virtuell wieder zusammenzuführen. Während sich das Newton Project vor allem mit den theologischen Schriften beschäftigt, ist ein 2004 begonnenes amerikanisches Editionsvorhaben den alchemistischen Texten Newtons gewidmet. Das von Professor William R. Newman geleitete Projekt der University of Indiana arbeitet eng mit dem englischen Pendant zusammen, geht aber bei der Aufbereitung der Materialien teilweise andere Wege.

Dass Newtons alchemistische Aufzeichnungen mehr als eine Million Wörter umfassen, der Wissenschaftler seine über drei Jahrzehnte betriebenen Aktivitäten aber schon vor seinen Zeitgenossen weitgehend verborgen hat, wird bereits auf der Startseite erläutert. Die rechte Hälfte der am oberen Bildrand angesiedelten Navigationszeile macht Hintergrund-Informationen zu dem von der "National Science Foundation" geförderten Editionsprojekt zugänglich: Im Abschnitt Newton & Alchemy wird ein knapper Abriss der Problematik des "widersprüchlichen" Newton geboten. Ausdrücklich wird bereits hier konstatiert, dass die Aufzeichnungen Newtons einen engen Zusammenhang zwischen seinen alchemistischen Interessen und seinen naturwissenschaftlichen Forschungen belegen. Der Link Project Info führt u. a. zu einer Dokumentation des Forschungsantrags (Grant proposal) sowie zu Erläuterungen über die technische Umsetzung der Online-Edition (Technical Implementation). Ausdrücklich wird hier betont, dass am Editions-Vorhaben Geschichtswissenschaftler, Bibliothekare, Informationswissensschaftler und Studenten beteiligt sind und das Stereotyp des einsam vor sich hin arbeitenden Editionsfachmanns als nicht mehr zeitgemäß betrachtet wird. Ergiebig ist schließlich auch der Bereich Reference & Instructional Tools. Ein recht umfangreiches Alchemical Glossary liefert Begriffserläuterungen, während der Symbol Guide eine Übersicht wichtiger alchemistischer Piktogramme bietet. Zwei weitere Abschnitte namens Chymical Products und Newton's Chymistry of Metal Solubilities belegen, dass man aufgrund von Newtons Aufzeichnungen bestimmte Experimente auch heute nachvollziehen kann. Vor allem das letztgenannte Kapitel ist auf Schülerinnen und Schüler zugeschnitten, die mit Hilfe von Videosequenzen den Ablauf zweier Versuche nachvollziehen können. Wer sich schließlich näher für die editorischen Richtlinien interessiert, wird im Berich Editorial Practices fündig.

Der Zugang zu den bislang edierten Texten ist über den am rechten Bildschirmbereich zu findenen Teil der Navigationszeile möglich. Für eine erste Orientierung kann der Browse-Link empfohlen werden. Er führt zu Beschreibungen der transkribierten Handschriften und ihrer Besitzgeschichte. Am Beispiel der umfangreichsten Quelle, "Newton's Most Complete Laboratory Notebook", kann der Aufbau der Editionen nachvollzogen werden: Der Link Introduction führt zu Erläuterungen der Struktur und der wichtigsten Bestandteile des Manuskripts. Hier wird u. a. darauf hingewiesen, dass die reine Texterfassung und -bereitstellung zunächst im Mittelpunkt stand und Detailerläuterungen und Kommentare zu einzelnen Textpassagen zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht werden. Die Edition selbst wird in zwei Varianten angeboten: Eine Normalized Transcription kann als vereinfachte Lesefassung verwendet werden, während die Diplomatic Transcription möglichst eng an die Textgestalt der Manuskriptfassung angelehnt ist und mit komplexen Layout-Elementen aufwartet. Zu jeder Textpassage kann ein page image im JPG-Format abgerufen werden, so dass ein Vergleich zwischen Transkription und originaler Handschrift möglich ist. Die Seiten-Reproduktionen stehen in zwei Auflösungsvarianten zur Verfügung, wobei die größere Version bei einem Umfang von etwa 250 KByte pro Seite eine recht gute Basis für den Abgleich von Original und Transkription bietet. Für lateinische Passagen werden englische Übersetzungen angeboten, die mit Hilfe von Javascript-Funktionen eingeblendet werden können. Zu alchemistischen Symbolen und einigen Abkürzungen werden beim Überfahren mit dem Mauszeiger kurze Erläuterungen eingeblendet. Sowohl die normalisierte wie die diplomatische Version belegen auf eindrucksvolle Weise, dass eine Online-Edition auch besonders komplexen Handschriften wie den hier vorliegenden alchemistischen Aufzeichnungen gerecht werden kann.

Neben dem blätternden Zugang wird auch eine Suchoption angeboten, die von der Startseite über den Search-Link erreichbar ist. Durchsuchbar sind u. a. der Handschriften-Titel und die Beschreibung, während eine Volltextsuche zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht möglich ist. Es sollen jedoch Suchfunktionalitäten realisiert werden, die auf dem "Extensible Text Framework" (XTF) der California Digital Library basieren und differenzierte Recherchen in den im XML-Format erfassten Volltexten ermöglichen sollen. Außerdem wird künftig auch ein Blättermechanismus für die Navigation durch die digitale Seitenreproduktionen angeboten werden. Die angekündigten Erweiterungen des als fortschreitendes Projekt angelegten Webangebots werden den Nutzwert weiter erhöhen, doch die "Chymystry of Isaac Newton" ist auch in der jetzigen Ausbaustufe für alle an Wissenschaftsgeschichte und an komplexen Online-Editionen Interessierten einen Besuch wert.

[Gregor Horstkemper, 1. August 2006]

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