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Prachtstammbaum des braunschweig-lüneburgischen Welfenhauses von Franz Algermann - Quellen und Kommentar

Nr. 36 / 2006  

Resümee:  Die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel stellt einen welfischen Prachtstammbaum des späten 16. Jahrhunderts in den Mittelpunkt einer virtuellen Ausstellung.
URL:  http://www.hab.de/ausstellung/algermann/
Kategorie:  Digitale Editionen

Eine ganze Reihe groß angelegter Projekte zur Digitalisierung von Bibliotheksbeständen zielt zur Zeit darauf ab, in vergleichsweise kurzer Zeit möglichst flächendeckend die Buchproduktion von fünfeinhalb Jahrhunderten über das Internet durchsuchbar und benutzbar zu machen. Druckwerke, die die üblichen Formate des Buchdrucks sprengen und sich nicht für die Einbeziehung in ein Massendigitialisierungsprojekt eignen, drohen angesichts der schieren Datenmenge der im Aufbau befindlichen Megadatenbanken ins Abseits zu geraten. Dass sich über das Internet auch ungewöhnliche Objekte auf ansprechende Weise präsentieren lassen, zeigt eine kleine Online-Ausstellung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB) über einen 1584 gedruckten Prachtstammbaum der Wolfenbütteler Linie des welfischen Fürstenhauses. Die bereits verfügbare Palette an ausstellungsbegleitenden Internet-Angeboten zu Themen wie "Dokumente der litauischen Reformation" oder "Seuchen in der Frühen Neuzeit" wird seit April 2006 um eine reine Online-Präsentation ergänzt.

Ungewöhnlich ist nicht nur das behandelte Objekt, ungewöhnlich ist auch die Tatsache, dass die von Christian Lippelt erarbeitete Online-Publikation dank finanzieller Unterstützung durch eine private Stiftung realisiert werden konnte. Zu näheren Informationen über diese besondere genealogische Quelle führt der Startseiten-Link Kommentar: Hervorgehoben wird hier die herrschaftslegitimierende Funktion und der Repräsentationscharakter des Stammbaums, wobei u. a. der Bezug auf Heinrich den Löwen eine zentrale Rolle spielt. Die wenigen überlieferten Exemplare des Stammbaums sind teilweise unvollständig erhalten und weichen in Details voneinander ab. Dass die Präsentation dieses Objekts auch bei der Nutzung von Internet-Technologien eine große Herausforderung darstellt, liegt vor allem an seinem Umfang: Die größte Version misst nicht weniger als 273 x 122,5 cm. Wer sich über die an der Herstellung des Stammbaums beteiligten Personen informieren will, kann den Navigationsspalten-Links zu Franz Algermann, Conrad Horn und Georg Scharffenberg folgen. Der Beamte Algermann verfasste die erläuternden Texte, Hofbuchdrucker Horn besorgte die Drucklegung, und Formschneider Scharffenberg zeichnete für die Ausgestaltung des Stammbaums verantwortlich. In den biographischen Artikeln wird auf mehrere Archivalien und Druckwerke verwiesen, die für diese Online-Präsentation digitalisiert und bereitgestellt wurden. Eine Bibliographie rundet das Informationsangebot ab.

Zur Quelle selbst führt der Navigationsspalten-Link Prachtstammbaum. Betrachtet werden können die zwei Exemplare der HAB sowie ein Exemplar des Niedersächsischen Staatsarchivs Wolfenbüttel. Die auf dem Flash-Format basierende Präsentationssoftware "Zoomify" ermöglicht das Vergrößern beliebiger Ausschnitte der großen Drucke, so dass auch Einzelheiten gut zu erkennen sind. Vorausgesetzt, man benutzt einen Browser mit Flash-Plugin, bereitet die Handhabung des Zoom-Instruments keine Schwierigkeiten. Besonders erfreulich ist die Möglichkeit, die drei präsentierten Versionen des Stammbaums nicht nur isoliert je für sich betrachten zu können, sondern je nach Wunsch zwei oder alle drei Fassungen nebeneinander anzuzeigen. Da bei dieser Parallelanordnung alle Zoomfunktionalitäten zur Verfügung stehen, lassen sich sehr einfach Vergleiche anstellen oder schlecht lesbare Passagen des einen Exemplars mit Hilfe der entsprechenden Stelle eines anderen, besser erhaltenen Exemplars entziffern. Der Vergleichbarkeit setzt allerdings die unterschiedliche Digitalisierungsqualität der drei Versionen gewisse Grenzen.

Den Balanceakt zwischen stetig bekundeter Kaisertreue und gleichzeitiger Betonung der Eigenständigkeit des Welfenhauses als hochrangiges, dem evangelischen Glauben anhängendes Fürstengeschlecht macht das Nebeneinander kontradiktorischer Elemente sinnfällig: Über der Stammbaumdarstellung thront der Kaiser, offensichtlich Rudolf II. Die Darstellung des Sachsenrosses dagegen wird begleitet von den Zeilen: "Betracht was hie vermag und kan / Des Keisers acht und Bapstes bann / Was schaden bringt hoffart und hass / Das lern man hie am weissen Ross." Das Ross behauptet sich gegen allerlei Raubtiere und Greifvögel - Symbole konkurrierender Reichsstände - und droht unter seinen Hufen einen Kardinalshut samt darunter befindlicher Kröte zu zertreten. Wenn unter den Gegner ein Löwe mit dem braunschweigisch-lüneburgischen Wappen zu sehen ist, dann verweist das auf die innerdynastischen Konflikte zwischen Wolfenbütteler und Lüneburger Linie des Herzoghauses. Der Stammbaum sollte jedoch nicht allein dem Nachweis der Konkurrenzfähigkeit der Wolfenbütteler im Wettbewerb der Reichsfürsten dienen, sondern auch gegenüber den Untertanen die herausgehobene Stellung der Herzöge dokumentieren. Ihnen sollte verdeutlicht werden, dass sie "sich in den geburenden und von Godt erforderten gehorsam desto williger in underthenigkeit zu schicken" hätten. Die gelungene Online-Präsentation dieser vielschichtigen Quelle lässt auf rege Nutzung und die Vermehrung der HAB-Ausstellungsmaterialien um weitere interessante Angebote hoffen.

[Gregor Horstkemper, 4. September 2006]

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