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Karlsruher Türkenbeute

Nr. 39 / 2006  

Resümee:  Das Badische Landesmuseum hat ausgewählte Objekte seiner Turcica-Sammlung sowie umfangreiche weiterführende Informationen zur osmanischen Geschichte zu einer Internet-Ausstellung aufbereitet.
URL:  http://www.tuerkenbeute.de/
Kategorie:  Virtuelle Ausstellungen

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts sorgte das markgräfliche Haus Baden für manche Schlagzeile: Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707), im Volksmund als "Türkenlouis" bekannt, erfocht für den Kaiser zahlreiche Siege gegen die osmanischen Truppen in Südosteuropa. Wertvolle Beutestücke aus diesen Kämpfen bildeten den Grundstein für die heute im Badischen Landesmuseum aufbewahrte Turcica-Sammlung, die sogenannte "Karlsruher Türkenbeute". Im September 2006 sorgte das in Finanznöte geratene Haus Baden erneut für Schlagzeilen, indem es Anspruch auf Kulturgut im Wert von 250 bis 300 Millionen Euro erhob, darunter Münzsammlungen, alte Handschriften und Drucke sowie die "Türkenbeute". Der baden-württembergische Ministerpräsident hielt den möglichen Verlust der Turcica-Sammlung offenbar für die größte drohende Gefahr - und akzeptierte den Ausverkauf der wertvollen Handschriftensammlung der Badischen Landesbibliothek (BLB) in Karlsruhe. Im Gegenzug sagte das Haus Baden den Verzicht auf seine restlichen Ansprüche zu. Ein solches Vorhaben als kulturvergessenen Kuhhandel zu kritisieren, tut der Hochschätzung der "Türkenbeute" keinen Abbruch. Wer sich im Internet ein Bild von den umstrittenen Kulturgütern machen will, findet von den ca. 4.200 Handschriften der BLB nur eine einzige als digitale Reproduktion. Die "Karlsruher Türkenbeute" dagegen steht im Mittelpunkt einer umfangreichen virtuellen Ausstellung, die seit 2003 zugänglich ist.

Auf der Startseite der Webpräsentation wird in einem kurzen Einleitungstext deutlich gemacht, dass neben der Präsentation ausgewählter Sammlungsobjekte auch die Vermittlung von allgemeinen Informationen zur osmanischen Geschichte und Kultur beabsichtigt ist. Unter den verschiedenen Optionen, die eine Navigationszeile am oberen Bildschirmrand anbietet, dürfte der Link zur Sammlung für die meisten Besucher die größte Anziehungskraft ausüben. In sieben Unterkapiteln werden die rund 150 ausgewählten Objekte zusammengefasst. Die drei Kapitel Rüstzeug, Reitzeug und Waffen dokumentieren dabei überwiegend die osmanische Militärtechnik, während die Gruppen Alltag und Schriftkunst über den Bereich des Militärischen hinausweisen. Besonders aufwändig präsentierte Objekte finden sich beim Reitzeug. Will man z. B. eine der Prunkschabracken in Augenschein nehmen, werden sowohl eine Zoom-Option als auch eine 3D-Präsentation angeboten. Um diese Präsentationsmodi nutzen zu können, ist ein Zoomify-Plugin notwendig, das für alle gängigen Browser zur Verfügung steht. Mit Hilfe der 3D-Option kann das Objekt um 360° gedreht werden, wobei wiederum aus jeder beliebigen Perspektive Details herangezoomt werden können. Diese technischen Hilfsmittel erlauben es, manche Einzelheit genauer zu betrachten, als das in einer Ausstellung möglich wäre.

Ein zweiter Hauptbestandteil der Online-Präsentation sind die Themenreisen. In vier Unterkapiteln werden ausgewählte Aspekte der osmanischen Geschichte behandelt, wobei den recht knappen Texten passende Abbildungen von "Türkenbeute"-Objekten beigegeben sind. Während die Themenreisen eher als Angebot für den eiligen Besucher zu verstehen sind, fällt der Bereich Kunst & Kultur ergiebiger aus. Der Unterbereich Biographien umfasst z. B. knapp vier Dutzend biographische Skizzen, während im Unterbereich Geschichte in sechs längeren Kapiteln politische, ökonomische und soziale Themen angesprochen werden. Fragen des Kulturtransfers ist der Unterbereich Europa & die Osmanen gewidmet, in dem sich neben Text- und Bildmaterial auch einige Audiodateien finden. Jedem Kapitel sind zahlreiche Querverweise beigegeben, etwa zu biographischen Artikeln, zu verwandten Kapiteln, oder zu passenden Abbildungen von Objekten aus der "Türkenbeute". Außerdem werden Sacherläuterungen zu bestimmten Begriffen angeboten - etwa zu "Sultan", "Wesir" oder "Scheich" -, die nach Anklicken des betreffenden Wortes in einem Popup-Fenster angezeigt werden. Die Begriffserläuterungen sind in einem "Glossar" mit mehr als 300 Artikeln zusammengefasst.

Besonders gehaltvoll ist schließlich der Bereich Wissen, insbesondere der Unterbereich Forschung / PDF-Download. An dieser etwas unscheinbaren Stelle finden sich nicht nur das gesamte Glossar, die Exponatliste und eine 35 Seiten umfassende Bibliographie, sondern umfangreiche Beiträge eines Katalogbands, der anlässlich einer 1991 veranstalteten Ausstellung zur "Türkenbeute" erschienen war. Sehr hilfreich ist auch das Angebot an Karten, Plänen, Stammbäumen und Zeittafeln zur osmanischen wie zur badischen Geschichte. Schließlich finden sich rund 30 Dateien mit literarischen Quellen, die sowohl Aspekten der osmanischen Kultur als auch Themen der osmanischen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gewidmet sind. Abgerundet wird das Online-Angebot durch eine übergreifende Suchfunktion, die das jeweilige Suchergebnis strukturiert nach Unterbereichen ausgibt. Im Bereich Wissen / Archiv kann außerdem die Suche gezielt auf einzelne Unterbereiche eingegrenzt werden. Die Webpräsentation vermittelt in ihrer Gesamtheit umfangreiche Informationen zur osmanischen wie zur badischen Geschichte, und präsentiert die ausgewählten Objekte auf ansprechende Weise. Dass der "Türkenschatz" in Baden hohe Wertschätzung genießt, lässt sich anhand der im Internet verfügbaren Materialien leicht nachvollziehen. Es steht zu hoffen, dass auch das in Baden aufbewahrte nicht-osmanische Kulturgut, insbesondere der Karlsruher Handschriftenschatz, dem Lande und der Forschung erhalten bleibt, und womöglich ähnlich ansprechend über das Internet zugänglich gemacht wird, wie die "Karlsruher Türkenbeute".

[Gregor Horstkemper, 25. September 2006]

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