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Archives d'État de Genève

Nr. 44 / 2006  

Resümee:  Ein großer Teil der Bestände des Genfer Archivs wird mit Hilfe einer Datenbank recherchierbar gemacht. Virtuelle Ausstellungen zu stadtgeschichtlichen Themen runden das Webangebot ab.
URL:  http://www.geneve.ch/archives/
Kategorie:  Archive

Das erste Jahrhundert des Zeitabschnitts, den wir heute die Frühe Neuzeit nennen, wurde in der Stadt Genf von vier entscheidenden Faktoren geprägt. Zum einen gelang in den 1520er und 1530er Jahren schrittweise die Emanzipation vom bisherigen Stadtherrn, dem Bischof von Genf, so dass eine Stadtrepublik etabliert werden konnte. Zum zweiten trat die Stadt 1536 zur Reformation über und wurde in den folgenden Jahrzehnten durch das Wirken von Jean Calvin zu einem der Zentren des Protestantismus. Drittens konnte die Stadt den Annektionsbestrebungen des Herzogs von Savoyen erfolgreich Widerstand leisten und 1603 eine dauerhafte Sicherung gegenüber savoyischen Herrschaftsansprüchen erreichen. Für diese Behauptung gegenüber dem ambitionierten Herzogshaus war schließlich viertens die Unterstützung durch die Eidgenossenschaft von großer Bedeutung, mit der Genf seit 1526 als zugewandter Ort verbunden war. In wirtschaftlicher Hinsicht spielte die Stadt im 17. und 18. Jahrhundert eine stetig wachsende Rolle als internationaler Finanzplatz. 1798 wurde die Stadt nicht Mitglied der Helvetischen Republik von Napoleons Gnaden, sondern von Frankreich annektiert. Als 1814 die Schweizerische Eidgenossenschaft neu konstituiert wurde, gehörte der Kanton Genf zu deren Mitgliedern.

Wer sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigen möchte, findet auf den Webseiten der Archives d'État de Genève reichhaltige Informationsmöglichkeiten. Die Startseite enthält eine komprimierte Darstellung dessen, was an Informationen verfügbar gemacht werden kann, und was nicht: Digitalisierte Dokumente und biographische bzw. genealogische Nachschlagewerke z. B. werden nicht angeboten. Wem der knappe Überblick nicht ausreicht, der kann über den Navigationsspalten-Link Organisation et activités mehr erfahren. Die Aufgaben des Archivs werden im Abschnitt Missions beschrieben, während das Kapitel Consultation Angaben zur Benutzung des Archivs enthält. Wem an Informationen über die Aktivitäten des Archivs gelegen ist, kann im Abschnitt Rapports d'activités die Jahresberichte als PDF-Dateien abrufen. Zum wichtigsten Unterbereich führt der Link Fonds et collections. Hier kann zunächst ein Plan de classement abgerufen werden, in dem die wichtigsten Teilbestände aufgelistet werden. Außerdem werden Informationen über die Bibliothèque des Archivs angeboten. Neben einem Online-Katalog der seit 1987 angeschafften Werke wird hier ein Neuerwerbungsdienst offeriert. Über den Link Nouvelles acquisitions de la bibliothèque sind PDF-Dateien abrufbar, in denen quartalsweise die seit Anfang 2005 erworbenen Publikationen dokumentiert werden.

Eines der nützlichsten Teilangebote findet sich im Unterbereich Base de données. Seit Juli 2006 steht hier die Datenbank Adhémar zur Verfügung, in der u. a. die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bestände des Archivs durchsucht werden können. Es wird allerdings darauf verwiesen, dass für einen Teil der Bestände auch noch die gedruckten Repertorien herangezogen werden sollten, da nicht alle Details in der Datenbank enthalten sind. Auf der eigenständig gestalteten Suchoberfläche von Adhémar muss der Link recherches angesteuert werden. Wenn man sich zunächst einen Überblick über die Bestände zu einem bestimmten Thema verschaffen will, empfiehlt sich die "Recherche par thème". Für den Suchbegriff "escalade" werden beispielsweise mehr als 180 Treffer gemeldet. Wenn man nur nach Dokumenten aus dem 17. Jahrhundert sucht, kann man die Recherche entsprechend eingrenzen und die Treffermenge deutlich reduzieren. Interessiert man sich z. B. für die "Vraye représentation de l'Escalade", eine Darstellung des gescheiterten Versuchs der Savoyer zur Überwindung der Genfer Stadtmauer im Jahre 1602, wird nach Anklicken des Treffer-Kurztitels eine ausführliche Beschreibung der Archivalie angezeigt. Die große Zahl von "escalade"-Treffern aus dem 18. bis 20. Jahrhundert ist durch die Tatsache begründet, dass die Rettung der Stadt zum Anlass für Gedächtnisfeiern gemacht wurde. In der Datenbank Adhémar können also nicht nur Quellen zum historischen Ereignis selbst, sondern auch Materialien zur Gedächtniskultur späterer Jahrhunderte aufgefunden werden.

Neben den Recherchemöglichkeiten in den Fonds et collections gehören mehrere virtuelle Ausstellungen (Expositions) zu den nützlichsten Bestandteilen des Webangebots. Aus frühneuzeitlicher Perspektive ist u. a. die 2002 veröffentlichte Präsentation zum Themenkomplex der "escalade" erwähnenswert, die in 21 Kapiteln nicht nur die Ereignisse von 1602 behandelt, sondern auch den politischen Kontext und die Rezeptionsgeschichte. 2004 wurden unter dem Titel "Genève cité d'accueil" die Beziehungen anglophoner Protestanten zu Genf von 1555 bis zur Gegenwart thematisiert. Die 2005 erarbeitete Ausstellung "Crises et révolutions à Genève, 1526-1544" geht auf die politischen und konfessionellen Ereignisse des zweiten Viertels des 16. Jahrhunderts ein. In allen Ausstellungen dominieren die Textanteile, während das eingestreute Bildmaterial nur in unzureichenden Auflösungen zur Verfügung steht. Für manche Dokumente werden immerhin Transkriptionen angeboten. Auch wenn noch keine vollwertigen digitalen Reproduktionen von Archivbeständen zur Verfügung stehen, machen die Beständedatenbank Adhémar und die virtuellen Ausstellungen zu ausgewählten stadtgeschichtlichen Themen die Webseite zu einer empfehlenswerten Internetressource.

[Gregor Horstkemper, 31. Oktober 2006]

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