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Die Bettlerordnung Kurfürst Maximilians I. von
1627 wurde zu einer Zeit erlassen, in der die Bedrohung durch den Krieg nachgelassen zu haben schien. König Gustav Adolf hatte noch nicht in den Krieg eingegriffen und auch die Krise der sog. Kipper- und Wipperinflation (1622/1623) war bereits überwunden. Dennoch war, wie in der Bettlerordnung selbst herausgestellt wird, das Thema der Armenversorgung nach wie vor aktuell. "Armut" ist besonders in der Frühen Neuzeit ein schwer einzuordnender Begriff; die Einteilung der Bevölkerung in Schichten (Unter-, Mittel-, Oberschicht) erweist sich ebenfalls als nicht einfach. Besonders von der Armut bedroht waren "Witwen, Waisen, alleinstehende Frauen, Invaliden, körperlich und geistig Behinderte" (von Hippel, 6), da diese sich ihren Lebensunterhalt im Normalfall nicht aus eigener Kraft erarbeiten konnten. Gleichzeitig war aber auch die relativ breite Masse der Soldaten, Tagelöhner, Handwerksgesellen, aber auch Bauern und selbstständige Handwerker vom Abrutschen in die Armut bedroht. Im Gegensatz zu diesen, die zumindest einer "ehrbaren Arbeit" nachgingen, darf freilich auch das Berufsbettlertum nicht vergessen werden, das im Zuge der Entwicklung der Armenpolitik seit dem Spätmittelalter eine Abwertung erfuhr. Auch in der Bettlerordnung wurde durchgehend versucht, diese Gruppe von Hilfsleistungen auszuschließen.
Bei der Suche nach den Gründen für die Armut muß zuerst festgestellt werden, daß in der Frühen Neuzeit Armut vor allem durch Hunger und existenzielle Bedrohung gekennzeichnet war. Es ging der Politik bei der Bekämpfung von Armut nicht um Umverteilung im modernen Sinne, sondern um die Bekämpfung bzw. Linderung derjenigen Armut, die sich durch Gefahr für Leib und Leben auszeichnet. Der Grund für den Hunger als wichtigste Bedrohung lag nicht zuletzt darin, daß ein Großteil des damaligen Durchschnittseinkommens der unteren Gesellschaftsschichten für Nahrung aufgewandt werden mußte. Verstärkend wirkte, daß die Preise für Nahrungsmittel sich von Beginn des 16. Jahrhunderts bis zu Beginn des 17.Jahrhunderts um das dreifache erhöht hatten; die Kaufkraft der Löhne ging zwischen 1500 und 1700 in deutschen Städten um 50%
zurück (Jütte, 38). Diese Preisanstiege hatten einerseits kurzfristige Krisen zur Ursache; gleichzeitig ist aber auch ein konstanter Preisanstieg seit dem 13. Jahrhundert festzustellen. Die Anfälligkeit für kurzfristige Krisen ist dabei in der relativ unentwickelten und krisenanfälligen Form des Getreideanbaus zu finden; klimatisch bedingte Mißernten wogen bei den grundsätzlich geringen Erträgen um so schwerer. Zudem war ein Ausgleich regionaler Mißernten wegen des unzulänglichen Transportsystems kaum möglich. Eine Folgewirkung war dabei ein verringerter Bedarf an Arbeitskräften, um die Ernte einzufahren; Gesinde mußte bei Mißernten mit Entlassung rechnen. Zusätzlich war, zumindest in der breiten Schicht der Kleinbauern, weniger Geld für zusätzliche Güter vorhanden, was v.a. Handwerker zu spüren bekamen. Lediglich Überschußproduzenten, also Bauern, die neben der Selbstversorgung einen größeren Teil der Ernte verkauften, konnten aus Mißernten evtl. Gewinn ziehen, da sie ihren möglicherweise kleineren Überschuß zu drastisch überhöhten Preisen verkaufen konnten und somit unter dem Strich besser davonkamen als
üblich. Gleichzeitig weist von Hippel auch auf die qualitative Verschlechterung der Nahrung als Folge von Mißernten hin (9). Einen Hinweis darauf, wie schwerwiegend sich Mißernten auswirken konnten, liefert die zeitgenössische Schätzung von Gregory King für England im 17. Jahrhundert. Danach führte eine Ernte, die 20 Prozent unter dem Durchschnittsertrag lag, zu Preisanstiegen (bei Korn) von 80 Prozent; war die Ernte nur halb so groß wie normal, belief sich
der Preisanstieg auf bis zu 450 Prozent (Jütte, 39). Jütte stellt dabei fest,
daß die Langzeitwirkung von Mißernten keineswegs ein direkter Anstieg der Hungertoten war; vielmehr ergab sich durch Mangelernährung (sowohl quantitativ als auch qualitativ) eine allgemein höhere Sterblichkeitsrate durch Anfälligkeit für Krankheiten. Gleichzeitig ging die Zahl
der Eheschließungen zurück, und damit natürlich auch die Geburtenrate (ebda., 42). Preisanstiege führten aber auch zu Überschuldungen und schließlich zum Verlust des eigenen Besitzes, womit die dauerhafte Armut fast schon festgeschrieben wurde.
Zu den kurzfristigen Ursachen von Armut müssen auch Kriege gerechnet werden. Verwüstungen der Felder und Diebstähle sorgten für Nahrungsmittelknappheit, Kriegsinvaliden waren nicht mehr in der Lage, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, für Witwen und Waisen von gefallenen
Soldaten galt natürlich das gleiche. Der Dreißigjährige Krieg hatte teilweise allerdings auch gegensätzliche Wirkungen. Die deutsche Bevölkerung ging infolge des Krieges um ca. 30 bis 35 Prozent zurück. Die Folgen waren Arbeitskräftemangel sowie ein Rückgang der Nachfrage nach Agrarprodukten, was einen Preisverfall nach sich zog. Genaue Zahlen, inwiefern sich die Armut
speziell durch Kriege in der Frühen Neuzeit erhöhte, fehlen aber leider, gleichwohl waren diese Auswirkungen selbstverständlich nicht weniger schlimm als Mißernten und Preisanstieg, zumal die Folgen des Dreißigjährigen Krieges (wie schon der Krieg selbst) regional stark
unterschiedlich ausgeprägt waren. Für Bayern bzw. München allerdings trafen generell die
oben genannten Folgen zu.
Dies fand seinen Ausdruck in ärmlichen Lebensverhältnissen. Die Wohnverhältnisse waren erbärmlich, nicht selten mußte eine
ganze Familie in einem Raum hausen, und das nicht etwa nur in Städten.
Die Ernährung war den Erfordernissen für ein gesundes Leben in keiner
Weise entsprechend; eine "Ernährung von minimaler Qualität und mit
möglichst wenigen Kosten" (Jütte, 93) war die Devise für die Armen; auch für
Landbewohner hatte sich die Lage seit dem frühen 16.Jahrhundert ständig
verschlechtert. Mangelerkrankungen wie Skorbut waren in der Frühen Neuzeit
verbreitet. Kleidung war für Arme selbst aus zweiter Hand kaum zu bezahlen;
eine umfangreiche Garderobe wird kaum ein Angehöriger der Unterschicht
besessen haben.
Nicht vergessen sollte man schließlich, daß dem Verlust der Arbeit
oftmals das Abrutschen in die Landstreicherei folgte. In den meisten
Bettlerordnungen der frühen Neuzeit wurden Landstreicher, im Gegensatz zu den
einheimischen Armen, "abgeschoben". Dies ist darauf zurückzuführen, daß
die Obrigkeiten "fast ausnahmslos" annahmen, "daß Landstreicher sich
bewußt für die Arbeitslosigkeit entschieden" (Jütte, 197). Tatsächlich aber kann
davon ausgegangen werden, daß Landstreicherei hauptsächlich durch
Arbeitslosigkeit verursacht wurde; bei Wegbrechen der Arbeitsmöglichkeiten
blieb oft keine andere Wahl als sich auf die Suche nach (üblicherweise
weniger gesicherten) Arbeitsplätzen, etwa als Gelegenheitsarbeiter, zu
machen.
Armut war in der Frühen Neuzeit eines der zentralen Probleme; nicht
zuletzt die allgemeine Entwicklung der Armenpolitik ist dafür ein
bedeutender Anhaltspunkt. Obwohl zu vielen Fragestellungen genaue Zahlen
fehlen bzw. nur vereinzelt (regional) vorhanden sind, war das Ausmaß
der Armut einer großen Schicht der Bevölkerung erschreckend, zumal
selbst bei gesicherter Existenz ein Abrutschen in die Armut immer zu
befürchten stand.
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