Bettler in der Frühen Neuzeit

Wegen der schlechten Quellenlage ist es sehr schwer, den Lebensraum des frühneuzeitlichen Bettlers präzise zu erfassen. Die einschlägigen Untersuchungen stützen sich hierbei vor allem auf zeitgenössische Bilder, Verhörprotokolle oder Register. Wir definieren den Bettler hier als "Mensch(en), der seinen Lebensunterhalt ohne dingliche Gegenleistung aus seiner Umwelt zog" (Bräuer, Bettelwesen in Wien, 81). Während er im gesellschaftlichen System des Mittelalters durch die Möglichkeit einer "milden Gabe" noch eine wichtige Funktion zur Rettung des Seelenheils des Spenders besaß, erwarb er im Zuge der Armenpolitik der Neuzeit den Ruf eines Schmarotzers und Müßiggängers. Häufig wurde er sogar mit dem Bösen in Verbindung gebracht. Vor allem Kritik am "betrügerischen Bettel", also dem Vortäuschen von Bedürftigkeit, wurde ohne Differenzierung auf die gesamte Gruppe übertragen. So litt der Bettler wie andere Randgruppen - etwa Juden oder Zigeuner - unter einer gesellschaftlichen Ausgrenzung, die sich erst ab dem 18. Jh. in ein verstärktes Bemühen um Integration wandelte.

Auch wenn manche Bettler natürlich in ihren Stand hineingeboren wurden, war die Lage dieser Bevölkerungsgruppe oft geprägt durch den sozialen Abstieg. Als Ursachen hierfür finden wir Krankheiten, das Problem der Witwenschaft bei Frauen, hohe Kinderzahlen, Arbeitsmangel oder das Alter. Insgesamt befinden sich unter den in den Registern verzeichneten Bettlern viele ehemalige Handwerker, Soldaten oder Tagelöhner neben Dienstleuten, Mägden und Knechten.

Über Alter und Geschlecht des "typischen" Bettlers lässt sich aufgrund der Quellenlage wenig sagen. Die vagierenden, also umherziehenden Bettler waren hauptsächlich Männer, während in den Städten häufig Frauen bettelten. Auch Kinder bettelten. Beim Familienbettel wurden sie mitgenommen und vorgezeigt, um Mitleid zu erregen. Aber auch Waisen waren - teilweise alleine, manchmal zu Gruppen zusammengeschlossen - bettelnd unterwegs.

Das Betteln muss als aktive Unternehmung betrachtet werden, die Planung, Organisation sowie individuelle oder kollektive Durchführung nötig machte (Bräuer, Der Leipziger Rat, 89). Grob kann man zwischen permanentem und temporärem Bettel unterscheiden. Der temporäre Bettel war häufig mit Arbeit vermischt und nur für eine bestimmte Zeit notwendig, etwa weil keine Möglichkeit, zum Geldverdienen bestand, so beim saisonalen Bettel oder dem Krankenbettel. Eine klare Unterscheidung zwischen Bettlern und der arbeitenden Bevölkerung kann also nicht gezogen werden.

Man unterscheidet auch zwischen Stadt- und Landbettel. Letzterer war häufig mit einer vagierenden Lebensweise verbunden und barg - etwa wegen Witterung und Natureinflüssen - mehr Gefahren. Beim Stadtbettel gab es den Gassen-, Markt- oder Kirchenbettel mit öffentlichem Stehen, Gehen oder Sitzen, teilweise verbunden mit dem Ansprechen von Leuten. Daneben gab es den Haustür- oder Wohnungsbettel, der eine Vertrautheit zum Besitzer bzw. Bewohner voraussetzte. Häufig wurden auch spezielle Hilfeersuchen, wie im Falle einer Katastrophe, etwa den Brandbettel, vorgebracht, bei denen Wert darauf gelegt wurde, zu zeigen, dass man nicht durch eigenes Verschulden in die missliche Lage geraten war. Insgesamt bediente sich der Bettel einer breiten Palette von Möglichkeiten des Auftretens - vom höflichen "Hutziehen" bis zu aggressiven Drohungen.

Obwohl Bettler untereinander ein System von Beziehungen aufbauen mussten, ist es umstritten, ob sich ein Gruppenbewusstsein entwickeln konnte. Allerdings kam es häufig vor, dass sich Jugendliche zusammenschlossen oder dass ganze Familien bettelten. Wichtig war es, Beziehungen sowohl zu höheren Schichten (wegen der Spenden) als auch untereinander (etwa zur Aufteilung der Reviere) aufzubauen (Bräuer, Bettelwesen in Wien, 150). Ab dem 16. Jahrhundert tauchten neben dem Familienbettel und dem Ausschicken der Kinder auch vermehrt Alte und Kranke als Bettler auf. Das Betteln nahm vielfältigere Formen an. So fand sich nun auch verstärkt der betrügerische Bettel, der die Bedürftigkeit nur vortäuschte. Häufig zog es Bettler wegen besserer Chancen in die Städte, wo sie vor allem in den Außenbezirken lebten, doch die repressiven Maßnahmen des 16. Jahrhunderts, bei denen sie oftmals verjagt wurden, verdrängten sie auf das Land.

Ein großes Problem war die geschwächte Konstitution, die Bettler für Krankheiten anfällig machte. Sie resultierte aus schlechter Ernährung und mangelhafter Körperpflege. In zeitgenössischen Beschreibungen werden Bettler oft als "krank", "lahm" oder "blöde" bezeichnet. Hier finden sich häufig Hinweise auf körperliche Gebrechen infolge von Unfällen oder übermäßiger Arbeitsbelastung. Die Bevölkerung verband die Ausbreitung von Krankheiten oft mit den Bettlern - teilweise nicht ganz unberechtigt, wie die Ausbreitung der Pest in München u.a. durch den Zustrom fremder Bettler zeigt (Heimers, 23) - und reagierte darauf mit Angst vor Ansteckung und Ablehnung der Bettler, bis hin zu Vertreibungen.

Die Obrigkeiten der frühen Neuzeit versagten bei ihrer Armenpolitik weitgehend. So wirkten die Ausgrenzungen der zweiten Hälfte des 17.Jh. auf die Bettler vielfach radikalisierend und drängten sie ins kriminelle Milieu ab (Bräuer, Bettelwesen in Wien, 194). Der Weg dorthin war ohnehin nicht weit, wie vagierende Gaunerbanden, der kriminelle, drohende oder betrügerische Bettel zeigen. Ein sozialer Protest bettelnder Bevölkerungsteile kam jedoch - wegen mangelnder Organisiertheit und schwach ausgeprägtem Zusammengehörigkeitsgefühl - nie zustande (Bräuer, Bettelwesen in Wien, 199-200).

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Autor: Thomas Mättig
 
Artikel: 1. Version vom 6.12.2000
 
siehe auch:
 
Literatur:
  • Bräuer, Helmut: Der Leipziger Rat und die Bettler. Quellen und Analysen zu Bettlern und Bettelwesen in der Messestadt bis ins 18. Jahrhundert, Leipzig 1997.
  • Jütte, Robert: Arme, Bettler, Beutelschneider. Eine Sozialgeschichte der Armut in der frühen Neuzeit, Weimar 2000.
  • Ders. (Hg.): "...und hat seithero gebetlet". Bettler und Bettelwesen in Wien und Niederösterreich zur Zeit Kaiser Leopolds I, Wien 1999.
  • Heimers, Manfred Peter: Krieg, Hunger, Pest und Glaubenszwist. München im dreißigjährigen Krieg, München 1998.
  • von Hippel, Wolfgang: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der frühen Neuzeit (=Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 34), München 1995.

Zitieren Sie diesen Artikel bitte als: Thomas Mättig, Bettler in der Frühen Neuzeit, in: Gudrun Gersmann / Torsten Reimer (Hg.): München im Dreißigjährigen Krieg. Ein universitäres Lehrprojekt, 1. Version vom 6.12.2000, URL: http://www.krieg.historicum.net/themen/m30jk/bettler.htm