Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges

Bis in das Jahr 1728 hinein hatten sich Darlehen, die noch aus dem Dreißigjährigen Krieg resultierten und deren Zahlung für die Stadt München ausstanden, angehäuft. Exakt 80 Jahre nach Beendigung des bis dahin größten europäischen Konflikts litt die Stadt noch immer an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Welche demographischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen die längste militärische Auseinandersetzung Europas für München mit sich brachte, sei im folgenden dargestellt.

Die Auswirkungen des "teutschen Krieges", wie der von 1618 bis 1648 dauernde Konflikt genannt wurde, bekam München bereits zu Kriegszeiten zu spüren: die Hyperinflation von 1622/23 zerstörte zahlreiche Vermögen, sorgte für Nahrungsmittelknappheit und damit für ein Ansteigen der Todesrate. Ein weiterer negativer Höhepunkt war die Pest von 1628, der weitere Seuchen nachfolgten. Hunger und Seuchen forderten mehr Opfer als der Waffengang selbst.

Genaue Angaben über die Bevölkerungsverluste existieren nicht. Bei den vorhandenen Zahlen handelt es sich um Schätzungen, die auf den Steuerbüchern von 1619 und 1651 basieren. Sie weisen 4071 (1619) bzw. 2577 (1651) Censiten (= Steuerpflichtige) aus. Das würde einen Rückgang um 36,7% ausmachen. Die Zahl der Censiten bezieht sich auf die Bürgerhaushalte. In einem solchen Bürgerhaushalt lebten durchschnittlich 4,5 Personen. Über die Anzahl der am Hof Lebenden, der Geistlichen, der Bettler und der Kriegsflüchtlinge wird nichts ausgesagt. Viele wurden aufgrund ihres Rechtsstatus nicht verzeichnet. Die Steuerbücher erfassen also gar nicht alle Einwohner. Außerdem unterlag die Bevölkerungszahl ob der Ab- und Zuwanderung großen Schwankungen. Zwischen 1620 und 1650 hat München etwa 7.000 Personen aufgenommen. Wieviele in der selben Zeit abgewandert sind, ist nicht bekannt. Verlässliche Quellen über den Nahrungsmittelverbrauch Münchens im 30 jährigen Krieg zur Berechnung der Einwohnerzahl gibt es nicht. Trotz der methodischen und quellenkundlichen Probleme geht man von etwa 18.000 - 19.000 vor Kriegsausbruch und ca. 12 000 Personen für 1651 aus. Vergleicht man diese Zahlen mit den aus den Steuerbüchern errechneten Bevölkerungsverlusten, so fällt auf, dass die tatsächlichen Verluste höher liegen als 36,7% -  den Zuzug von 7.000 Menschen nicht zu vergessen. Dieser Vergleich soll nur auf die Probleme bei der Quelleninterpretation hinweisen.
Der Rückgang der Bevölkerung rief einen Wandel in der ökonomischen Struktur der Stadt hervor. Zuerst verdeutlichen dies die Gesamteinnahmen Münchens aus Steuern und Ewiggeldern. 1619 lagen sie bei ca. 10.719 fl., 1651 waren es ungefähr 7051 fl. Die beiden Zahlen zeigen, dass die durchschnittliche Steuerleistung pro Haushalt während des Krieges angestiegen ist, obwohl eigentlich ein Rückgang zu erwarten gewesen wäre.

Für dieses überraschende Ergebnis gibt es im wesentlichen zwei Erklärungen: Zum einen hatten die in München im Umlauf befindlichen Münzen zwischen 1619 und 1650 5% an Wert verloren. Zum anderen - und das ist der weitaus wichtigere Grund - waren wegen der kriegsgebeutelten Kassen die Steuern minutiöser und strenger eingefordert worden.

Die Steuerbücher Münchens gewähren auch einen Einblick in die Gewerbestruktur und zeigen die Veränderungen, die 30 Jahre Krieg hinterließen, auf. Seit Gründung der Stadt hatte das Gewerbe einen ständigen Aufschwung erlebt. Der Dreißigährige Krieg stoppte den Boom. Die vorliegenden Angaben beziehen sich auf einen Vergleich der Steuerbücher von 1606, 1700 und 1792. Die Berufsgruppen "Metall" (-36%), "Glas und Erde" (-45%), "Leder und Pelz" (-14%) und "Textil und Bekleidung" (-42%) hatten erhebliche Einbussen gegenüber ihrem jeweiligen Stand vor Kriegsausbruch zu verzeichnen. Im Handwerksbereich konnten lediglich die Gruppen "Papier und Farben" (+15%), "Holz, Bein und Bau" (+21%) und "Nahrung" (+20%) Gewinne verzeichnen. Am stärksten fiel der Gewinn des Handels aus, der Anteil stieg um 67%.
Um die Wirtschaftlichkeit Münchens wenigstens annährend zu garantieren, verfolgte die Residenzstadt eine gezielte Zuwanderungspolitik. So lassen sich die proportional geringen Verluste der begüterten Berufsgruppen, besonders des Handels, der Bierbrauer, der Wirte und des übrigen Nahrungsmittelhandwerks während des Krieges erklären. Je nach Lage des Konfliktes war man versucht, auf die Liquidität der "Neubürger" zu achten. Personen, von denen man sich wenig Gewinn versprach, fanden kaum Einlass. Ungefähr 60% der "Neubürger" waren bayerischen Ursprungs. Die gezielte Aufnahme von "Neubürgern" zog sich bis weit in das 18. Jahrhundert hinein.

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Autor: Volker Paul
 
Artikel: 1. Version vom 6.12.2000
 
Literatur:
  • Heimers, Manfred Peter: Krieg, Hunger, Pest und Glaubenszwist. München im Dreißigjährigen Krieg. München 1998.
  • Hoffmann, Carl A.: "Landesherrliche Städte und Märkte im 17. und 18. Jahrhundert. Studien zu ihrer ökonomischen, rechtlichen und sozialen Entwicklung in Oberbayern", in: Münchener Historische Studien, Abteilung Bayerische Geschichte. Kallmünz 1997.
  • Roeck, Bernd: "Bayern und der Dreißigjährige Krieg. Demographische, wirtschaftliche und Soziale Auswirkungen am Beispiel Münchens", in: Geschichte und Gesellschaft 17, 1991, S. 434-458.

Zitieren Sie diesen Artikel bitte als: Volker Paul: Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges, in: Gudrun Gersmann / Torsten Reimer (Hg.): München im Dreißigjährigen Krieg. Ein universitäres Lehrprojekt, 1. Version vom 6.12.2000, URL: http://www.krieg.historicum.net/themen/m30jk/folgen.htm