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Als 1590 beim Bau der Michaelskirche in der Neuhauser Straße der Turm bei einem Gewitter einstürzte, kamen schnell die Hexen in Verdacht, für diesen Vorfall verantwortlich zu sein. So fängt dann auch unser Rundgang, bei dem wir Spuren der Hexenverfolgung in München aufdecken wollen, bei dieser Kirche an. 1. MichaelskircheDie Michaelskirche wird auch oft als "Triumphkirche der Gegenreformation" (Behringer, Hexenverfolgung in Bayern, 170) bezeichnet, ihr Bauherr, Herzog Wilhelm V., war ein Verfechter dieser Bewegung. Er war - wie im folgenden zu erkennen sein wird - somit ein Kind seiner Zeit. Denn in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zu Verhärtungen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, es erfolgte "... eine Abwendung von einer mehr weltoffenen, lebenszugewandten, genußfreudigen und diesseitsorientierten Renaissance-Mentalität" hin zu einer dazu konträren, ziemlich dogmatischen, streng religiösen und jenseitsorientierten Denkweise. Als Beleg für diese Neuorientierung innerhalb der Gesellschaft mag folgender Auszug eines aus dem letzten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts stammenden Regierungserlasses dienen:
Auch Herzog Wilhelm V., in seiner Jugend eher dem Renaissancegedankengut anhängend, wurde nach einer Krankheit im Jahre 1575 Vertreter "... jener tiefen, asketischen und ängstlichen Frömmigkeit ..." (Behringer, Hexenverfolgung in Bayern, 113). Er förderte den in diesen Jahren aufkommenden Marienkult, Bayern sollte zu einem Bollwerk des Katholizismus werden. Im Jahre 1597 zog er sich sogar in ein Kloster zurück und übergab die Macht an seinen Sohn Maximilian. Wilhelm V. holte den damals noch sehr jungen Orden der strengen Jesuiten nach Bayern und ließ während seiner Amtszeit die Michaelskirche für diesen Orden bauen; 50 Bürgerhäuser mußten dafür abgerissen werden. Die Fassade des Gebäudes liest sich wie ein politisches Programm des Fürsten:
Zur Einweihung der Kirche gelangte ein gigantisches Jesuitentheaterstück zur Aufführung, bei dem 900 Darsteller mitwirkten. Doch ein Unglück überschattete die prunkvolle Einweihung. Im Mai 1590 stürzte der Turm der Kirche bei einem Gewitter ein. Darüber berichtet ein Fugger-Korrespondent folgendes:
Die Schuldfrage war also für die Zeitgenossen geklärt; die Hexen waren verantwortlich für dieses Unglück. Zwar wurde bei den folgenden Hexenverfolgungen in München nie direkt auf den Einsturz des Turmes verwiesen, doch kam es noch im selben Jahr zu einem Hexenprozeß in der Residenzstadt |
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Die Putti an der Mariensäule versinnbildlichen die Ängste, die die Menschen der Zeit hatten: So steht das Fabelwesen Basilisk für die Pest, die Schlange für den Unglauben, der Löwe für Krieg und schließlich der Drache für den in dieser Zeit allgegenwärtigen Hunger. Hier läßt sich erneut ein Zusammenhang mit den Hexenprozessen erkennen, da in Regionen mit jahrelangen Mißernten und den daraus folgenden Hungersnöten auch die Zahl der Hexenprozesse zunahm. So auch in München, wo durch die enorme Teuerungsrate der Jahre 1569-1575 die Agrarpreise fast viermal so hoch wie in den Jahren zuvor waren. Diese Teuerung gerade bei dem lebenswichtigen Getreide erklärt sich mit einer Reihe von negativen Umwelteinflüssen, die die Ernten in diesen Jahren schrumpfen ließen. Den Lebensmittelteuerungen folgten Verdiensteinbussen im Handwerk, Landflucht und Epidemien. In ganz Europa herrschte damals der Hunger. Die nächste Teuerung erfolgte in den Jahren 1579/80. Die lange schlechte Phase der Jahre 1585-1594, hervorgerufen durch gehäuftes Auftreten von Witterungs- und Schädlingskatastrophen, ließ manche Zeitgenossen an den Ausbruch der Endzeit denken. Erstmals kam es in diesen Jahren auch zu großen Hexenverfolgungen im südostdeutschen Raum. Nach wenigen "billigen" Jahren kam es ab 1607 in München zu einer weiteren Teuerungswelle, die ca. neun lange Jahre anhielt. Eine erneute Mißernte 1624 führte zu einer anhaltenden Dauerkrise bis 1629, nach drei billigen Jahren kam es dann 1632-1636 zur Katastrophe: in dieser Zeit lagen die Preise für Roggen, dem wichtigsten Getreide der Zeit, in München mehr als 100 % über denen der Krisenjahre nach 1570 oder nach 1585, bzw. 1000 % über den Preisen der "Normaljahre". Insgesamt läßt sich wohl ein Zusammenhang zwischen diesen Agrarkrisen und der Zahl der Hexenverfolgungen feststellen, da die Hexenprozesse verstärkt in diesen Krisenjahren auftraten. Man fand in den Hexen den in solch schweren Zeiten nötigen Sündenbock. Allerdings kam es nicht in jeder von dieser Krise betroffenen Stadt zu solchen Verfolgungen. Es spielte auch die religiöse Grundgesinnung in dem betroffenen Gebiet eine Rolle. Zur MarienverehrungHerzog Wilhelm V. begann in München den Marienkult, den sein Nachfolger Maximilian I. auf den Höhepunkt führte, indem er 1620 das Herr der katholischen Liga mit dem Schlachtruf "Maria" in die Schlacht am Weißen Berg führte und Maria zur "Patrona Boiariae" erhob." In dieser Schlacht breiteten die Habsburger zusammen mit dem katholischen Fürstenbund unter der Führung Bayerns dem böhmischen Ständeheer eine katastrophale Niederlage, die die Seite der Gegenreformer stärkte. 3. Theatinerkirche |
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Im Jahre 1590, dem Jahr des Einsturzes des Michaelskirchenturms, kam es zu einem Hexenprozeß gegen vier Münchnerinnen. Eine von ihnen war Anna Anbacher. Sie lebte in einem Bürgerhaus auf dem Gelände, wo rund 70 Jahre später die Theatinerkirche, St. Kajetan, errichtet werden sollte. Prozeß und Geständnis der Anna Anbacher und ihrer Mitangeklagten Brigitte Anbacher, Regina Lutz und Regina Bollinger sind sehr gut überliefert. Unter der Folter gestanden alle vier Frauen die ihnen vorgeworfenen Untaten: Kindshändel, Teufelsbuhlschaft und den Abfall vom rechten Glauben. Dass sich die auf dem Wege der sogenannten "Peinlichen" Befragung, also der Folter, erzwungenen Geständnisse fast bis auf den Wortlaut glichen, lag an dem vorformulierten Fragekanon, mit dem die Scharfrichter den Angeklagten die "richtigen" Antworten schon fast in den Mund legten. Die Scharfrichter gingen bei ihren Verhören meist nach dem selben Schema vor: Zuerst wurde der Angeklagten das Folterwerkzeug gezeigt, dann wurden die Geräte angelegt und zuletzt angewendet. Zwischendurch wurden dem Beschuldigten immer wieder die selben Fragen gestellt, bis er geständig war. Unter Anwendung der Folter brachte man in diesem Hexenprozeß sogar detailgenaue Schilderungen der Gestalt Luzifers und der Zusammentreffen mit ihm zu Tage. Die verschiedenen Namen des Teufels - Fibes, Ragenöhrl oder Clefle - entspringen ebenso der Phantasie der Gepeinigten wie die Angaben über die Beschaffenheit seines Körpers - kalt wie Schnee oder hart wie Holz. Alle vier angeklagten Frauen wurden vor dem Verbrennen erdrosselt. 4. Residenz |
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Der Teil der Residenz, der durch die Plastizität vortäuschenden Malereien an der Außenfront auffällt, wurde um 1611 im Auftrag von Maximilian I. erbaut. Anlaß, auch die Hexenproblematik neu anzugehen, war eine grausame Hexenverfolgung in den Jahren 1589-1592 in Schongau, in deren Verlauf 63 Frauen verbrannt worden waren. So setzte Maximilian schließlich 1592 eine Kommission ein, die ein neues Gesetz zur Hexenproblematik erarbeiten sollte, das "Landtgebott wider die Aberglauben, Zauberey, Hexerey und andere sträffliche Teufelskünste". Nach rund 20 Jahren präsentierte die Kommission ihr Ergebnis, das Hexenmandat von 1611/12 , das sogenannte "skandalöse Mandat": 40 Seiten Gesetzestext, auf denen mehr als 52 verschiedene Formen der Hexerei, der Zauberei und des Aberglaubens aufgezählt wurden. Die geistige Urheberschaft lag bei dem Hofratskanzler Wagnereckh und Dr. Vagh, die zusammen lange Zeit die Verfolgungspartei, also jene Partei, die sich vehement für die Hexenverfolgungen aussprach, im Hofrat angeführt und geprägt hatten. (Behringer, Hexenverfolgung in Bayern, S.294) Der "...Tenor des Mandats" erinnerte "... mit seinem barocken Verbalradikalismus an die Position der rigiden Verfolgungsbefürworter in den beiden vergangenen Jahrzehnten." (Behringer, Hexenverfolgung in Bayern, 294). Jeder noch so harmlose Anflug von Aberglauben, der gerade unter der ländlichen Bevölkerung viele Anhänger hatte, wurde im Hexenmandat rigoros verteufelt. Aber dieses Mandat war nicht sehr erfolgreich. Die Verbreitung des 40-Seiten Mammutwerkes war bei den damaligen technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung schlicht zu kompliziert, als dass sich das Gesetz hätte durchsetzten können. Auch hatten einige Mitglieder des Hofrats, die nicht der Verfolgungspartei angehörten, ein erhebliches Interesse daran, die Verbreitung dieses Mandats im Herrschaftsgebiet zu verhindern. Zudem rief die zum Teil widersprüchliche Klassifizierung verschiedener Delikte innerhalb des Mandats erhebliche Verwirrung hervor, weswegen viele Prozesse abgebrochen werden mußten. Doch erst im Jahre 1813, bei der Feuerbachschen Strafrechtsreform, wurde das Hexenmandat endgültig ad acta gelegt. |
| Zitieren Sie diesen Artikel bitte als: Anette Weber: Hexenrundgang Teil 1, in: Gudrun Gersmann / Torsten Reimer (Hg.): München im Dreißigjährigen Krieg. Ein universitäres Lehrprojekt, 1. Version vom 6.12.2000, URL: http://www.krieg.historicum.net/themen/m30jk/hexenrundgang_1.htm |