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Die sogenannte Kipper- und Wipperinflation war die größte Inflation in der Geschichte des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Sie begann mit dem Dreißigjährigen Krieg 1618 und endete in Norddeutschland 1622, während sie sich im Süden des Reichs bis zum Jahre 1624 hinzog. In dieser Zeit verloren weite Teile der Bevölkerung ihre Ersparnisse zugunsten von betrügerischen Münzern und Wechslern, den sogenannten Kippern und Wippern, während die wahren Schuldigen, die Münzherren, im Hintergrund blieben. Die Bürger Münchens waren von der Inflation besonders betroffen, da sie auf Lebensmittelimporte angewiesen waren, die durch Zwischenhändler noch zusätzlich verteuert wurden. Die GeldknappheitSeit Mitte des 16.Jahrhunderts war die Geldknappheit im Reich kontinuierlich angestiegen. Ursachen waren die Anhäufung von Schatzgeld aus Angst und Vorsorge gegen Räuber, Landstreicher und Kriegsvolk sowie ein gesteigertes Luxus- und Geltungsbedürfnis der Oberschicht, was teure Importe und eine negative Handelsbilanz zur Folge hatte. Verschärft wurde die Geldknappheit zudem durch einen Rückgang der deutschen Silberproduktion (so hatte z.B. Bayern seine Silbergruben in Tirol vollständig verloren), während gleichzeitig der Geldbedarf aufgrund der wirtschaftlichen Expansion und des Bevölkerungswachstums anstieg. Um den Mehrbedarf an Geld decken zu können, wurden die Münzen leichter geprägt, damit wurde aber auch das Gleichgewicht zwischen dem aufgedruckten und dem realen Wert der Münze zerstört. Von dieser Entwicklung waren besonders die Kleinmünzen betroffen, die ab 1605 Kursabschläge gegenüber den groben Reichssorten (wie dem Dukaten oder Goldgulden) hinnehmen mußten, auch Bayern wurde von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Parallel dazu wurde der konfessionelle Gegensatz zwischen der protestantischen Union (1608) und der katholischen Liga (1609) unter der Führung von Herzog Maximilian I. immer größer. Diese Entwicklung beobachteten die Münzherren mit Sorge, denn eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Parteien wurde immer wahrscheinlicher. Um dieser Situation zu begegnen, wurden erhebliche Geldmittel gesammelt, um die Aufrüstung der Söldnerheere finanzieren zu können. So wurde unter Maximilian in Bayern die Landsteuer beinahe jährlich erhoben, ferner wurden außerordentliche Abgaben festgesetzt. Diese Maßnahmen reichten jedoch nicht aus, um den gewaltigen Finanzbedarf decken zu können. In dieser Situation nutzen die Landesherren einen struktureller Fehler der Reichsmünzordnung von 1559. Diese hatte die Ausgabe territorialer Münzen, im Gegensatz zu den Reichsmünzen, den Landesherren überlassen, die somit beliebig viele Landesmünzen mit geringem Silbergehalt prägen konnten. Eine mögliche Kontrolle von Umlauf und Prägung durch die Reichskreise auf ihren jährlichen beziehungsweise halbjährlichen Probationstagen scheiterte an ihrer Unfähigkeit und dem Widerstand der Landesherren selbst, die durch ihre Gesandten auf den Probationstagen vertreten waren. Maximilian beteiligte sich nicht an der Münzmanipulation, aber durch seine Ansammlung eines Staatsschatzes entzog er dem Land die hohen Nominalen, während das minderwertige Kleingeld den Markt überschwemmte, worauf der Markt mit Preiserhöhungen reagierte. Der Weg in die Inflation war geebnet. Die Kipper und WipperUm ihren Geldbedarf zu decken, verkauften oder verpachteten die Münzherren ihre Münzrechte an Spekulanten. Dem Profitstreben der privaten Investoren war somit Tür und Tor geöffnet, eine Manipulation der Münze nach Schrot(t) und Korn, also nach Gewicht und Feingehalt erfolgte. Daran beteiligten sich nicht nur die Landesherren durch ihre Münzer, sondern auch die Städte und "freie" Fälscher. Sie brachten durch Geldwechsler die minderwertigen Kleinmünzen zwischen Halbbatzen und Sechsbätzer unter die Bevölkerung, indem sie sie mit Zuschlägen gegen die guten hohen Nominalen eintauschten. Dies war möglich, weil die Menschen noch gemäß dem Realwertprinzip auf den aufgedruckten Wert vertrauten. Die Münzfälscher und Wechsler wurden "Kipper und Wipper" genannt, ein Begriff, der im 16. Jahrhundert noch gänzlich unbekannt gewesen war und erst ab 1619/20 Verbreitung fand. Kipper wurde aus dem niederdeutschen "kippen" abgeleitet, welches das Beschneiden der Münze bezeichnete. Wipper entstand aus dem "umwippen" der Geldwaage, wenn diese die vollwertigen Stücke aussortierte. Diese Münzen wurden dann beschnitten oder eingeschmolzen. Die beiden Begriffe waren nur zwei unter vielen, so wurden die Geldfälscher und Wechsler auch als "Auffwechsler, Finantzer, Ausschieber, Partirer, Landbetrieger, Müntzbescheisser, Ringerer, Beschneider, Schwächer, Wäscher, Schmelzer, Aussfürer, Abgoesser, Asswieger, Aufwechsler oder Felscher" bezeichnet (vgl. Grimms Deutsches Wörterbuch). Wie gingen die Kipper und Wipper vor ?Sie vermehrten die Anzahl ihrer Münzen durch zahlreiche Tricks. So beschnitten sie schwere Münzen und prägten aus dem gewonnenen Metall neue Münzen. Ein wesentlich profitablerer Vorgang war die Veränderung des Feingehalts. Silbermünzen wurden eingeschmolzen, mit billigerem Kupfer vermischt und aus dieser Legierung neue Münzen geprägt. Die Verschlechterung des Geldes ging schließlich soweit, dass die Münzen durch den hohen Kupfergehalt ein rötliches Erscheinungsbild annahmen. Hier wurde nun das Verfahren des "Weißsiedens" angewandt, d.h. die Kupfermünze wurde in Weinsteinsäure oder Silberamalgan gekocht, bis sie ein silbernes Aussehen annahm. Dieses verschwand zwar nach ca. acht Tagen, aber bis dahin war das Geld schon in der Tasche eines ahnungslosen Opfers gelandet. Um neue Münzen prägen zu können, kauften die Fälscher Kupfer und Silber in Form von Schüsseln, Bechern oder Kesseln auf. Eine andere Variante des Aufkaufs war das Wechselgeschäft. Die Fälscher boten der Bevölkerung den Umtausch ihrer Großmünzen gegen minderwertige Kleinmünzen plus Aufgeld an. So wurden zum Beispiel für einen Reichstaler 80 Kreuzer geboten, während der offizielle Reichskurs bei 72 Kreuzer lag (1600), der Käufer machte also einen Gewinn, da er das Kleingeld problemlos ausgeben konnte. Die Kipper und Wipper verwendeten jedoch das Metall und prägten daraus wiederum 90 manipulierte Kreuzer, mit denen die nächste Serie des Kippergeldes auf den Markt kam. Schließlich erfaßte die Spekulation mit Metallen auch viele einfache Leute, die Zahl der Münzprägestellen wuchs rasant an. Mit der Zeit entstand dadurch ein Abwertungswettlauf nach unten, so war in Bayern der Reichstaler 1618 noch 92 Kreuzer wert, 1620 140 Kreuzer, 1621 300 Kreuzer und auf dem Höhepunkt der Inflation im Juni 1622 600 Kreuzer, ehe er nach der Münzreform wieder mit 90 Kreuzern gehandelt wurde (26.4.1623). Um die Herkunft der Münzen zu verschleiern, wurden die Münzaufschriften verfälscht oder bis zur Unkenntlichkeit abgekürzt. Oft wurden die Kleinmünzen auch mit Säuren behandelt, um sie alt aussehen zu lassen. Der Verlauf der Inflation in MünchenMit Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 gelangte das angesparte Vermögen der Landesfürsten sprunghaft in den Umlauf, was sich in einer Preissteigerung wiederspiegelte. Besonders die Bevölkerung Münchens litt unter dieser Entwicklung, da sie auf Nahrungsmittelimporte angewiesen war, die zu Inflationspreisen aufgekauft werden mußten. So sank der Wert der Umlaufmünzen innerhalb weniger Jahre um das Siebenfache. Konnte man 1617 für einen Dukaten noch 2 Gulden 30 Kreuzer eintauschen, so waren es 1622 bereits 15 Gulden. Parallel dazu stiegen die Getreidepreise für das Scheffel Korn von 4 Gulden (1617) auf 52 Gulden im April 1623. Verstärkt wurde diese Lebensmittelknappheit Münchens durch Mißernten des Umlandes und den Entzug von Nahrung zugunsten des Kriegsbedarfs. Die Hauptursache aber lag im spekulativen Zurückhalten der Nahrungsmittel durch Zwischenhändler, den "Fürkäufern", die nur gegen Preisaufschläge weiterverkauften. Maximilian reagierte auf die inflationären Tendenzen mit Abwertungen oder Verboten, die vom Markt aber nicht angenommen wurden. Auch seine Verordnung vom 23. September 1622, die die Abwertung aller minderwertigen Münzen um die Hälfte vorsah, mußte zurückgenommen werden, da sie die groben Reichssorten endgültig vom Markt verdrängt hätte. Mittlerweile waren die Besitzer nämlich nicht mehr bereit, sie gegen Inflationsgeld einzutauschen. Schließlich war Maximilian selbst gezwungen, minderwertige Münzen zu prägen, um seine Ausgaben noch decken zu können. Weitere Maßnahmen wie festgesetzte Preistaxen, Exportverbote, das Verbot des Fürkaufs und des Bierbrauens (Getreideverbrauch) und Hausdurchsuchungen nach Getreide scheiterten, da sie nicht kontrolliert werden konnten. Obwohl der Magistrat der Stadt München Getreide und Mehl ausgab und den Metzgern Zuschüsse zahlte, ging die Preisexplosion weiter und hatte Not, Verarmung und Hunger vieler Münchner Bürger zur Folge. Diese sahen sich oft als Opfer von Hexen und bösen Geistern oder machten die Juden oder Münzmeister zu ihren Sündenböcken. Die Münzverschlechterung zerrüttete immer mehr das Wirtschaftsgefüge, bis sie schließlich auf ihre Verursacher zurückschlug. Die Steuereinnahmen sanken und wurden zudem immer mehr mit wertlosem Inflationsgeld beglichen, während die Söldner ihren Lohn in groben Reichssorten forderten. Neben dem Verlust von Einnahmen und der Konkurrenzsituation der abwertenden Reichstände kam es auch zum offenen Aufruhr im Reich, mit ausgelöst durch Spottlieder und Flugschriften wider die Kipperei. Bayern war von dieser Entwicklung ausgenommen, da aufgrund der strengen Pressezensur nur im Augsburger Raum Flugschriften unters Volk gelangten. Neben der politischen Instabilität erlitten die Landesfürsten jetzt auch einen Autoritätsverlust aufgrund der zahlreichen gescheiterten landesherrlichen Maßnahmen. Währenddessen verweigerten die Kaufleute und Großbankiers das minderwertige Geld der Münzherren und hielten das gute Geld zurück, welches nicht von der Inflation erfaßt wurde. Denn hier konnte durch Einkerbungen oder einfache chemische Proben eine Fälschung nachgewiesen werden, was bei Kleinmünzen zu unrentabel gewesen wäre. Die Neuordnung des MünzwesensErst in dieser Situation setzte sich reichsweit bei den Münzherren die Einsicht durch, dass eine Neuordnung des Münzwesens unumgänglich geworden war. So wurden schließlich auf dem Augsburger Münzprobationstag des fränkischen, bayrischen und schwäbischen Reichskreises vom 5. bis 10.April 1623 die ersten Schritte zu einer stabilen Münzordnung gelegt. In ihr wurde bestimmt, die minderwertigen Münzen vom Markt zu nehmen, gute Münzsorten neu zu prägen, die überhöhten Kurse der groben Sorten schrittweise zu senken und das Preis- und Lohngefüge durch eine detaillierte Taxordnung zu regeln. In Bayern erhielten die Wirte zudem feste Sätze vorgeschrieben, eine Kleiderordnung sollte den Abfluß von Geldmitteln ins Ausland zugunsten von Luxusgütern unterbinden. Schließlich wurden die minderwertigen Sorten am 26. September 1623 vom Markt genommen und eingeschmolzen oder zu Spielgeld für Kinder umfunktioniert. Eine Verurteilung der Münzherren erfolgte in der nun beginnenden Prozesswelle nicht, zumeist wurden hier nur die kleinen Münzmeister abgeurteilt, womit die Inflationszeit zu ihrem Ende kam, ehe sie vier Jahrzehnte später in der kleinen Kipper- und Wipperinflation ihre Fortsetzung fand. |
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| Zitieren Sie diesen Artikel bitte als: Daniel Vogt: Die Kipper- und Wipperinflation (1618-1623) in MÜnchen, in: Gudrun Gersmann / Torsten Reimer (Hg.): München im Dreißigjährigen Krieg. Ein universitäres Lehrprojekt, 1. Version vom 6.12.2000, URL: http://www.krieg.historicum.net/themen/m30jk/inflation.htm |