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Würde man heute eine Umfrage starten, in der gefragt wird, welcher Art
von Krieg der Dreißigjährige Krieg war, so erhielte man die klassische
Antwort "Der Religionskrieg schlechthin"! Die Geschichtsforschung tendiert
allerdings seit einigen Jahren zu einer wesentlich differenzierteren
Sichtweise und untersucht das wahrscheinlich einschneidenste Ereignis in
der Frühen Neuzeit auf andere Ursachen. Dabei wurden erstaunliche
Ergebnisse erzielt, die - in einen europäischen Kontext gebracht - ein ganz
neues Licht auf den Dreißigjährigen Krieg werfen. In diesem Artikel möchte
ich die Ergebnisse zusammentragen und kurz zusammenfassen.
Die Frühe Neuzeit war geprägt von religiösen Spannungen und
Differenzen. Religion, oder besser gesagt die Konfessionen spielten eine
allgegenwärtige Rolle und waren ausschlaggebend für viele Konflikte. Nicht
zuletzt auch deswegen, weil im Augsburger Religionsfrieden von 1555 nicht
alle zu dem Zeitpunkt existierenden Konfessionen Aufnahme gefunden haben.
Heinz Schilling bezeichnet zu Recht die Konfessionen als "Agenten des
internationalen Systems" (Schilling, 591-613) und meint damit, daß keine
politische Entscheidung nicht auch religiös gefärbt war. Allerdings ist
Religion und Konfession nicht immer die Hauptmotivation. Auch andere,
"weltliche", Gründe waren genauso ausschlaggebend für politische
Agitationen. Johannes Burkhardt geht in seinem Artikel (Burkhardt, 487-499) genau diesen Motiven nach und unterstellt sie den Hauptdarstellern des Theaters "Dreißigjähriger Krieg".
Der Auslöser des Krieges war der Prager Fenstersturz, der Höhepunkt in
einem Streit um zwei protestantische Kirchen in Prag. Die Böhmischen
Stände nahmen dies zum Anlaß, sich gegen den Kaiser zu erheben. Laut
Burkhardt war der Fenstersturz nichts anderes als die handgreifliche Form
eines "wohlgeplanten Regierungssturzes" (Burkhardt, 493). Doch wie kommt
er zu dieser Annahme, wo der Auslöser ein religiöser Streit war? Die
Antwort ist recht einfach: Stellt man den Böhmischen Aufstand in den
europäischen Kontext, kann man ihn durchaus mit
Unabhängigkeitsbestrebungen anderer Peripheriegebiete des Reiches
vergleichen. Erwähnt sei hierbei der zu diesem Zeitpunkt seit 50 Jahren
tobende Freiheitskampf der Niederlande. Und in der Tat lassen sich
Verbindungen zwischen den Böhmischen Ständen und den Niederländischen
Freiheitskämpfern herstellen. Uns sind heute Briefe überliefert, in denen
die Böhmen die Generalstände um Hilfe für den Kampf gegen den Kaiser
baten, mit dem Hinweis auf die gemeinsame Sache, nämlich die
Unabhängigkeit vom Reich (Polisensky, 93). Eine entscheidende Grundlage
fehlte den Böhmen noch für ihre Unabhängigkeit: der Unabhängigkeitskrieg!
Mit der Schlacht am weißen Berg 1620 wurde dieser zwar begonnen, doch die
Niederlage bedeutete das Ende der Böhmischen Staatsbildung. Die
Aufständischen wurden zu Verrätern erklärt und hingerichtet, die
Besitztümer der abtrünnigen Stände wurden veräußert, wovon nicht zuletzt
Wallenstein erheblich profitierte.
Warum ging der Kaiser so energisch
gegen die revoltierenden Stände vor? Volker Press beantwortet diese Frage
wie folgt: Der Aufstand sei eine "Ständerevolte gegen das habsburgische
Konzept von Konfessionalisierung und Territorialisierung" gewesen
(Press, 74). Böhmen hatte eine Schlüsselposition im Reich inne.
Habsburg benutze es als "Sprungbrett ins Reich, um dem "traditionell
kaiserfernen Norden" näher zu kommen. Damit ist klar,
warum es sich der Kaiser nicht leisten konnte, Böhmen zu verlieren.
Eigentlich hätte an dieser Stelle der Krieg zu Ende sein sollen. Doch
das Verhalten der drei Großmächte Frankreich, Habsburg und Schweden
verhinderte dies. Alle drei stellten Anspruch auf eine Universalmonarchie
und sahen sich an der Spitze der Christenheit. Besonders an Frankreich
läßt sich dies verdeutlichen.
Johannes Burkhardt unterstellt Richelieu,
daß er sich nicht nur gegen Habsburg absichern wollte, sondern Frankreich
anstelle der habsburgischen Dynastie als Hegemonialmacht in Europa
etablieren wollte. Anfänglich wurden diese Bestrebungen in
Stellvertreterkriegen geäußert, später dann im offenen Krieg gegen das
Reich.
Dieses Vorgehen Richelieus verwundert nicht, wenn man die
geographische Lage Frankreichs betrachtet. Von drei Seiten war Frankreich
von Habsburg umzingelt. Im Süden durch Spanien, im Norden durch die
spanischen Niederlande und im Osten durch den Kaiser und das Reich selber.
Frankreich sah sich in seiner Existenz bedroht. Und wer wäre das nicht,
wenn vom Nachbarn Parolen wie "austriae est imperare orbi universo" zu
hören sind.
Spätestens mit der Kriegserklärung Frankreichs 1635 an das
Reich kann nicht mehr von einem Religionskrieg gesprochen werden. Ein
Krieg zwischen zwei äußerst katholischen Parteien läßt sich so nicht
erklären.
Der Westfälische Friede von 1648 zeigt sehr schön, was die wirklichen
Motive in diesem "Jahrhundertkrieg" waren. Territoriale Fragen und Fragen
nach Herrschaft, Autonomie und Souveränität standen im Vordergrund. Diese
versuchte man zu Gunsten eines Gleichgewichtes innerhalb Europas und
vor allem innerhalb des Reiches zu beantworten. Der Westfälische Friede
legte den Grundstein für ein modernes Völkerrecht (Jus publicum europaeum)
und die Kernmächte des zukünftigen Staatensystems wurden bestimmt
(Duchhardt, 179-187). Religion wurde nur am Rande erwähnt.
Wie so oft zeigt sich auch hier wieder, daß eine Pauschalaussage über
ein historisches Ereignis nicht möglich ist. Der Dreißigjährige Krieg war
ein äußerst komplexes Ereignis und bedarf verschiedener Betrachtungs- und
Erklärungsweisen. Den Krieg unter dem Aspekt eines "Staatsbildungskrieges"
zu sehen ist eine von vielen möglichen, nicht zuletzt auch eine ziemlich
anregende Betrachtungsweise.
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